Pneumokokken: Doppelt geimpft hält besser

Gegen Pneumokokken, die Erreger einer lebensgefährlichen Lungenentzündung, gibt es in Deutschland zwei verschiedene Impfstoffe. Der beste Impfschutz wird durch eine Kombination der beiden Impfstoffe erreicht, meint ein Experte in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2013).

Das Bakterium Streptococcus pneumoniae, wie die Pneumokokken wissenschaftlich heißen, ist vor allem für Kleinkinder, Senioren und Menschen mit geschwächtem Immunsystem gefährlich. Es kommt in mehr als 90 verschiedenen sogenannten „Serotypen“ vor, die von den heutigen Impfstoffen nur teilweise erfasst werden. Die beiden in Deutschland zugelassenen Impfstoffe decken derzeit 13 beziehungsweise 23 Serotypen ab. Dennoch ist der Impfstoff mit den 23 Serotypen nach Ansicht von Professor Mathias Pletz vom Universitätsklinikum Jena nicht unbedingt die bessere Wahl. Dies hängt mit der Art des Impfstoffes zusammen. Beide Impfstoffe enthalten Polysaccharide. Das sind Bestandteile aus der Außenhülle des Bakteriums, die das Immunsystem zur Bildung von Antikörpern anregen sollen.

Der Impfstoff mit den 23 Serotypen enthält jedoch lediglich die Polysaccharide während beim anderen Impfstoff die Polysaccharide mit einem Protein verbunden sind. Das soll die Impfwirkung verstärken. Dieser sogenannte Konjugatimpfstoff führt laut Professor Pletz zur Bildung von langlebigen T-Zellen, die einen langjährigen Immunschutz gewähren. Beim reinen Polysaccharid-Impfstoff komme es lediglich zur Bildung von B-Zellen. Diese Zellen des Immunsystems bilden zwar Antikörper, sterben aber nach einiger Zeit, wodurch auch der Abwehrschutz nicht mehr besteht. Zudem würden bei einer erneuten Impfung vor allem bei älteren Menschen nur verzögert neue B-Zellen gebildet. Deshalb erziele eine Auffrischung oft nicht die erhoffte Schutzwirkung, berichtet Professor Pletz.

Unter Impfstoffexperten wird dieses Phänomen als „Hyporesponsiveness“ bezeichnet, und es ist laut Professor Pletz der Grund, warum die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut, die in Deutschland die offiziellen Impfempfehlungen herausgibt, davon abgerückt ist, zum Beispiel Senioren alle fünf Jahre zu einer Auffrischung zu raten.
Professor Pelz regt jetzt - in Übereinstimmung mit anderen Experten - an, zunächst mit dem Konjugat-Impfstoff, der 13 Serotypen abdeckt, zu impfen und den Schutz später mit der Polysaccharide-Vakzine gegen die 23 Serotypen aufzufrischen. Dabei bestehe jedoch das Risiko, in der Zwischenzeit an einer Infektion mit einem der zwölf im Konjugatimpfstoff nicht vorhandenen Serotypen zu erkranken. Um diese Gefahr möglichst gering zu halten, empfehlen Experten, die zweite Impfung bereits nach acht Wochen folgen zu lassen.

Die Sächsische Impfkommission empfiehlt bereits die Konjugatvakzine. Aber auch außerhalb Sachsens können ihn Kassenpatienten nach einem Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) vom Oktober 2012 schon heute erhalten. Die STIKO will nach Einschätzung von Professor Pletz zunächst die Ergebnisse der CAPITA-Studie abwarten. Diese prüft derzeit in den Niederlanden an 85.000 Patienten, ob der Konjugatimpfstoff die Anzahl von Lungenentzündungen bei Erwachsenen tatsächlich senken kann.

Professor Pletz rät, die Pneumokokken-Impfung mit der Grippe-Impfung zu kombinieren. Die meisten bakteriellen Lungenentzündungen würden als Komplikation einer Virusgrippe auftreten. Die gleichzeitige Impfung gegen beide Erreger biete deshalb einen doppelten Schutz. In Schweden habe dies in einer Studie zu einem deutlichen Rückgang der Todesfälle bei älteren Menschen geführt.

M. W. Pletz:
Pneumokokkenimpfung – Stellungnahme eines Experten
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2013; 138 (34/35);
S. 1734-1736