Frühgeborenen-Retinopathie: Netzhautschäden bei Frühchen erfordern lebenslange Betreuung

Stuttgart, September 2013 – Eine Frühgeburt kann beim Kind die Netzhaut des Auges schädigen. Mehr als zwei Drittel der Kinder sind betroffen. Selbst optimale Behandlung kann Spätschäden der sogenannten Retinopathie nicht immer verhindern. Es kommt zu Netzhautablösungen, die Kinder werden kurzsichtig und können sogar erblinden. Ein Beitrag im Jubiläumsheft der Klinischen Monatsblätter für Augenheilkunde (Thieme, Stuttgart. 2013) beschreibt, wie Augenärzte den Betroffenen helfen können. Die „KliMo“ erscheint seit 150 Jahren und ist damit eine der ältesten medizinischen Fachzeitschriften im deutschsprachigen Raum. Ihr Jubiläum feiert sie mit einem Symposium im Rahmen des 111. Kongress der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft in Berlin.

„Eine Frühgeborenen-Retinopathie erfordert lebenslange augenärztliche Betreuung“, sagt KliMo-Schriftleiterin Professor Dr. med. Gabriele Lang von der Augenklinik des Universitätsklinikums Ulm. Die Erkrankung ist Folge einer gestörten Entwicklung der Blutgefäße in der Netzhaut des Auges. Beobachtet wurde sie zuerst in den 1940er Jahren in den USA. Zu einer zweiten Erkrankungswelle kam es in den 1960er Jahren, weil sich die Überlebenschancen für Frühgeborene zunehmend verbesserten. Sauerstoffbehandlungen der Frühgeborenen auf Intensivstationen verstärkten die Symptome noch.

Obwohl die Zusammenhänge bekannt sind, lassen sich die Schäden an der Netzhaut häufig nicht verhindern. „Heute ist die Frühgeborenen-Retinopathie die häufigste Ursache für eine hochgradige Sehbehinderung im Kindesalter“, sagt Professor Lang. Bis zu 70 Prozent aller Kinder mit einem Geburtsgewicht von weniger als 1250 Gramm sind betroffen. Leichtere Schäden bilden sich mitunter zurück, doch ab einer gewissen Schwelle ist eine Therapie unumgänglich, um eine Erblindung auszuschließen, so die Expertin:
„Dabei wollen wir in erster Linie die krankhafte Bildung neuer Blutgefäßen in der Netzhaut verhindern.“ Behandlungsstandard ist eine Lasertherapie. Seit einigen Jahren setzen Augenärzte deshalb einen Wirkstoff gegen den Wachstumsfaktor VEGF ein, der die Bildung neuer Blutgefäße hemmt. „Oftmals verkümmern die überflüssigen Blutgefäße bereits nach einer Woche“, berichtet Lang. Die Behandlung muss früh beginnen.

Auch wenn die Expertin optimistisch ist, sei derzeit noch nicht abzusehen, wie sich diese Therapie auf eventuelle Spätschäden auswirkt. Es bestehe aber die Hoffnung, dass die Zahl der Netzhautablösungen zurückgeht. Hinzu kommt, dass viele Frühgeborene in der Kindheit kurzsichtig werden. „Diese Myopie ist Folge eines zu starken Längenwachstums des Augapfels, was die Zugwirkung auf die Netzhaut weiter steigert“, so Professor Lang. Dies kann im Jugendalter und bei jüngeren Erwachsenen zu Netzhautrissen führen, die häufig nur operativ zu behandeln sind.

Vor allem die Behandlung der Spätschäden gestalte sich oft schwierig und sollte deshalb an Behandlungszentren erfolgen, rät Professor Dr. med. Antonia Joussen von der Charité Universitätsmedizin Berlin. Aktuelle Kenntnisse zur Frühgeborenen-Retinopathie fasst sie in der Jubiläumsausgabe der KliMo zusammen.

Quelle:
B. Müller, A. M. Joussen. Kindliche Ablationes: ROP und Myopie
Klinische Monatsblätter für Augenheilkunde 2013; 230: 894–901

 

Die Klinischen Monatsblätter für Augenheilkunde (KliMo) sind vor 150 Jahren zum ersten Mal erschienen. Gegründet 1863 von Karl Wilhelm v. Zehender, unterstützt von Theodor Sämisch und Albrecht von Graefe, dienten sie schon damals dem Augenarzt in Klinik und Praxis. Die Monatsblätter informieren die Leser seitdem fortlaufend über Erkenntnisse der klinischen Forschung in der Ophthalmologie. Die KliMo sind das offizielle Organ der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft und erscheinen im Georg Thieme Verlag, Stuttgart.

  • Pressetermin

    Terminhinweis:
    Symposium: 150 Jahre Klinischen Monatsblätter für Augenheilkunde: „Immer einen Blick voraus“
    Samstag, 21. September 2013, 14.30 - 16.00 Uhr
    Ort: Estrel Convention Center, Saal C, Sonnenallee 225, 12057 Berlin

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