Erhöhte Wachsamkeit bei Schlafstörungen: Wenige Medikamente im Alter geeignet

fzm, Stuttgart, Januar 2014 – Viele Schlafmittel sind für ältere Menschen schlecht oder gar nicht geeignet. Dennoch werden sie, vor allem in Pflegeheimen, noch immer häufig verordnet, wie eine Mitarbeiterin der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2013) kritisiert.

Etwa 20 bis 40 Prozent aller Menschen im Alter von über 65 Jahren klagen über Schlaflosigkeit. Schuld ist allerdings selten das Alter. Die meisten Schlafstörungen sind Folge eines schlechten Gesundheitszustands oder psychischer und kognitiver Erkrankungen, schreibt Dr. Jane Schröder von der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland. Die gemeinnützige GmbH betreibt in 21 Städten unabhängige Beratungsstellen. Älteren Menschen mit Schlafstörungen wird dort zunächst empfohlen, nach den zugrundeliegenden Ursachen zu suchen und diese behandeln zu lassen. Bevor ältere Menschen auf Schlaftabletten zurückgreifen, sollten sie sich an einen Psychologen wenden. Kognitiv-verhaltenstherapeutische Strategien sind eine Alternative zu Medikamenten und versprechen anders als diese einen anhaltenden Effekt, so Dr. Schröder.

Von der klassischen „Schlafpille“ am Abend rät die Patientenberaterin zumeist ab – obwohl das Angebot an Mitteln groß ist: Neben den klassischen Hypnotika – Benzodiazepinen – gibt es seit einigen Jahren moderne Varianten mit einer kürzeren Wirkdauer, die sogenannten Benzodiazepin-Analoga. Sie sollen einen „Hangover“ am nächsten Morgen mit Müdigkeit und Abgeschlagenheit verhindern. Das gelingt nach Erfahrung von Dr. Schröder jedoch nicht immer. Mit dem Alter verzögert sich der Abbau der Mittel in der Leber, und die Nachwirkungen können länger dauern. Müdigkeit und eine muskelschwächende Wirkung von „Benzos" können bei älteren Menschen zu Gangunsicherheit und Stürzen führen, warnt die Apothekerin. Patienten im höheren Lebensalter sollten daher möglichst nicht mit Benzodiazepinen und Benzodiazepin-Analoga behandelt werden, rät Dr. Schröder. Eine längere Einnahme ist ohnehin verboten, da die Wirkung von Benzodiazepinen mit der Zeit nachlässt und es zur Abhängigkeit kommen kann.

Diese Gefahren werden auch von vielen Ärzten und den Krankenkassen gesehen. Ärzte können die klassischen Schlafmittel nur noch in Ausnahmefällen auf Kassenrezept verordnen. Viele Ärzte verordnen ihren älteren Patienten deshalb Antihistaminika. Diese Mittel wurden ursprünglich zur Behandlung von Allergien entwickelt, einige machen im Nebeneffekt müde. Antihistaminika haben jedoch eine verzögerte Wirkung. Benommenheit und Konzentrationsstörungen am Folgetag sind keine Seltenheit, weshalb Dr. Schröder von den Mitteln strikt abrät.

Müdigkeit ist auch eine Nebenwirkung von Antidepressiva, und bei einigen Antipsychotika treten sie bereits in niedriger Dosierung auf. Diese Mittel werden zunehmend als Schlafmittel verordnet. Antidepressiva haben den Vorteil, dass sie auch bei langfristiger Einnahme keine Abhängigkeit auslösen, schreibt Dr. Schröder, die die Einnahme für vertretbar hält – allerdings nur bei Patienten mit hohem Leidensdruck und unter Beachtung der Risiken und Nebenwirkungen von Antidepressiva auf Herz und Kreislauf, Harnwege und den Verdauungstrakt. Noch unangenehmer sind die Nebenwirkungen von Antipsychotika, die parkinsonähnliche Bewegungsstörungen auslösen können. Die Patientenberaterin rät deshalb von Antipsychotika eher ab.

Wie häufig Schlafmittel in Deutschland verordnet werden, ist nicht bekannt. Bei einer Verordnung über Privatrezept tauchen sie in den Statistiken der Krankenkassen nicht mehr auf. Und bei Antidepressiva und Antipsychotika ist nicht erkennbar, ob sie zur Behandlung von Depressionen und Psychosen oder als Schlafmittel verordnet werden. Die wenigen durchgeführten Untersuchungen zeigen jedoch, dass weiterhin viele ältere Menschen Schlafmittel einnehmen. Verbreitet sind sie vor allem in Pflegeheimen. In einer Studie aus Berlin erhielt jeder siebte Bewohner abends eine Schlafpille.

J. Schröder:
Pharmakotherapie von Schlafstörungen bei älteren Menschen.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2013; 138 (49);
S. 2550–2553