Wenn der Schmerz kein Warnsignal mehr ist

Der gebrochene Arm ist schon seit Monaten verheilt, doch nach wie vor leidet der Patient unter Schmerzen. Auch die Funktion des Arms lässt noch zu wünschen übrig. "Wenn Schmerzen sich derart verselbstständigen und in keinem Verhältnis mehr zum auslösenden Ereignis stehen, dann ist dies ein deutlicher Hinweis auf ein so genanntes komplexes regionales Schmerzsyndrom", sagt die Schweizer Biologin und Physiotherapeutin Ursula Wendling-Hosch. In der Fachzeitschrift ergopraxis (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2013) stellt Wendling-Hosch, die sich mit ihrer eigenen Praxis in Biel auf den Bereich der Handrehabilitation spezialisiert hat, neue Therapieansätze für die kurz als CRPS bezeichnete Erkrankung vor.

"Der Erkrankung geht stets ein Trauma voraus - etwa eine Fraktur oder eine Operation", erläutert Wendling-Hosch. Warum derartige Verletzungen meist folgenlos abheilen, bei manchen Patienten jedoch in ein - oft chronisches - CRPS münden, ist weitgehend unbekannt. Statistische Daten liefern dabei keine direkten Hinweise, zeigen jedoch ein auffälliges Muster. So sind drei Viertel der Betroffenen weiblich, meist tritt die Erkrankung zudem zwischen dem 50. und 75. Lebensjahr auf. Typischerweise ist die obere Extremität betroffen, nur selten treten die Schmerzen am Bein auf. Die Erkrankung wird heute zumeist als Folge einer Entzündungsreaktion gesehen. "Neueste Studien weisen auf eine genetische Disposition für CRPS hin", sagt Wendling-Hosch, "womöglich spielen auch autoimmune Aspekte eine Rolle."

Die Therapie des Schmerzsyndroms ist vielfältig. Neben einer Linderung der Symptome zielt die Behandlung mehr und mehr darauf ab, den zugrundeliegenden Sensibilisierungsprozess wieder rückgängig zu machen. Schmerzen, die lange oder wiederholt auftreten, können die Struktur und Verschaltung der Großhirnrinde dahingehend verändern, dass selbst harmlose Reize als schmerzhaft empfunden werden. Gelingt es, diese Veränderungen rückgängig zu machen - so die Theorie - dann könnte auch die unangemessene Schmerzempfindung nachlassen.

Nach diesem Prinzip funktioniert etwa die Spiegeltherapie, die bereits einen festen Platz in der Handtherapie hat und bei unterschiedlichen Diagnosen, wie etwa auch beim Phantomschmerz nach Amputation, erfolgreich eingesetzt wird. Der Patient sitzt dabei an einem Tisch, beide Hände liegen vor ihm auf der Tischplatte. Ein Spiegel wird so zwischen den Händen platziert, dass er die betroffene Hand verdeckt und an ihrer Stelle das Spiegelbild der gesunden Hand zeigt. Die Idee dahinter: Der optische Eindruck zweier gesunder Hände, die parallel therapeutische Übungen absolvieren, wirkt auf die motorischen und sensorischen Zentren im Gehirn zurück. Über die optische Rückmeldung soll eine mögliche krankhafte Umorganisation dieser Bereiche rückgängig gemacht und wieder ein gesundes Verschaltungsmuster erreicht werden.

Bis vor kurzem galten bei der CRPS-Therapie nur schmerzfreie Übungen als "erlaubt". Mit der 2009 von niederländischen Wissenschaftlern entwickelten Pain Exposure Physical Therapy (PEPT) hat sich das geändert: Über normale Bewegungsmuster, das Ignorieren von Schmerzen und den Verzicht auf Schonhaltungen soll erreicht werden, dass sich auch die Schmerzempfindung normalisiert. Im Rahmen der Therapie wird die betroffene Extremität aktiv und passiv so mobilisiert, als ob sie schmerzfrei wäre. "Das ist sowohl für den Patienten, als auch für den Therapeuten eine Herausforderung", sagt Ursula Wendling-Hosch. Schließlich muss der Patient lernen, den Schmerz trotz schrittweise zunehmender Belastung zu ignorieren. Auf Schmerzmittel wird dabei bewusst verzichtet und auch zu Hause soll der Patient aktiv weiterüben.

"Auch wenn der Schmerz vorübergehend sogar noch zunehmen kann, kann man mit der PEPT letztlich erstaunlich gute Resultate erzielen", sagt Ursula Wendling-Hosch. Erste Ergebnisse, die die niederländischen Forscher bei 95 Patienten erzielt hätten, seien überaus vielversprechend. Jetzt warten Patienten und Fachwelt gespannt auf die Resultate einer größeren, randomisierten und kontrollierten Studie, mit der die Forscher untersuchen wollen, wie sich ihr Konzept im Vergleich zu anderen Therapieformen bewährt.

U. Wendling-Hosch:
Den Schmerz ignorieren
ergopraxis 2013; 6 (5); S. 18-21