Schwindelfrei in wenigen Minuten

Schnell, effektiv, kostengünstig und nahezu nebenwirkungs-frei: Wer sich auf die Suche nach der idealen Therapie für seinen „gutartigen“ Lagerungsschwindel macht, wird früher oder später auf sogenannte Befreiungsmanöver stoßen. Damit können Patienten, durch nur eine Behandlung, von ihren Beschwerden befreit werden. Dennoch werde die Therapie erstaunlich spärlich in der Praxis eingesetzt, beklagt Matthias Wiemer von der Physiotherapieschule Ortenau. "Die meisten Betroffenen erhalten entweder keine oder eine unwirksame Behandlung", schreibt der Physiotherapeut und Physiotherapielehrer in der Fachzeitschrift „physiopraxis“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2013). Mit seinem Artikel möchte er dazu beitragen, die Befreiungsmanöver bekannter zu machen.

Die von Physiotherapeuten als benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel bezeichnete Gleichgewichtsstörung, beeinträchtigt die Betroffenen massiv. Bestimmte Bewegungen - etwa ein rasches Heben des Kopfes oder das Hinlegen aus dem Sitzen - lösen ein starkes Dreh- oder Fallgefühl aus, das sich bei manchen Patienten bis zum Brechreiz steigern kann. "Verursacht wird der Schwindel durch ein rein mechanisches Phänomen", erklärt Matthias Wiemer. Abgesprengte Ohrsteinchen aus dem Makula-Organ des Innenohrs gelangen in einen der Bogengänge des Gleichgewichtsorgans und lösen dort die fehlerhafte Dreh- und Fallempfindung aus.

Auf dieser Erkenntnis beruht ein sogenanntes Provokationsmanöver, das bereits in den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts entwickelt wurde und eine einfache und eindeutige Diagnose erlaubt. Der Patient wird dabei vom Arzt oder Physiotherapeuten sehr rasch aus dem Sitzen auf den Rücken gelegt, wobei eine bestimmte Kopfhaltung beibehalten werden muss. Wenn der Patient nach Abschluss dieser Bewegung die typischen Schwindelsymptome zeigt, ist die Diagnose gesichert. In diesem Fall kann direkt zur Therapie übergegangen werden.

"Die Endposition der Provokation dient zugleich als Ausgangsposition für das Befreiungsmanöver", erläutert Matthias Wiemer. Dieses besteht in einer weiteren raschen Umlagerung, durch die der betroffene Bogengang samt Steinchen in eine Position gebracht wird, aus der das Steinchen, der Schwerkraft folgend, wieder an seinen korrekten Platz rutschen kann. Während dieses Rutschens tritt noch einmal das Dreh- und Fallgefühl auf – meist zum letzten Mal. Seit dem Jahr 1992 steht den Therapeuten noch eine zweite, neu entwickelte Kombination aus Provokations- und Befreiungsmanöver zur Verfügung. "Beide Varianten sind heute anerkannt und führen bei korrekter Ausführung in über 80 Prozent der Fälle zum Erfolg", sagt Wiemer.

Die einzige Nebenwirkung der Therapie, für die weder teures Gerät noch Medikamente erforderlich sind, ist ein starkes Unwohlsein, das in den ersten 24 Stunden nach der Behandlung auftreten kann. "Dabei handelt es sich um eine normale Reaktion des Zentralen Nervensystems auf den starken Reiz der Manöver", beruhigt Wiemer. Manche Patienten fühlen sich auch noch mehrere Tage etwas mitgenommen, was sich jedoch nach spätestens einer Woche von selbst verflüchtigt. Auch wenn die Patienten nach einem erfolgreichen Manöver als geheilt gelten - ganz aus der Welt ist das Problem damit nicht. Bei rund der Hälfte der erfolgreich Behandelten macht sich das lose Ohrsteinchen innerhalb der folgenden zehn Jahre wieder bemerkbar. In diesem Fall kann das Befreiungsmanöver jedoch jederzeit wiederholt werden.

M. Wiemer:
Von der Provokation zur Befreiung
physiopraxis 2013; 11 (9); S. 30-34