Sport gegen die Depression

fzm, Stuttgart, Dezember 2013 – Wer an einer Depression leidet, sieht sich oft in einem Teufelskreis aus Antriebslosigkeit, Inaktivität und mangelndem Selbstwertgefühl gefangen. Sportliche Aktivität und Bewegung scheinen ideal geeignet, diesen zu durchbrechen: Sie vermitteln Erfolgserlebnisse, bieten die Möglichkeit zu Sozialkontakten und strukturieren den Tag. In den letzten Jahren hat sich daher eine Vielzahl wissenschaftlicher Studien damit befasst, ob Sport die Therapie einer Depression unterstützen kann - mit vielversprechenden Ergebnissen. In der Fachzeitschrift „PiD Psychotherapie im Dialog“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2013) geben die Saarbrücker Psychologinnen Elena Holz und Professor Tanja Michael einen Überblick über den derzeitigen Forschungsstand.

„In einigen Studien war die Wirkung von Sport durchaus vergleichbar mit der Wirkung einer Psycho- oder Pharmakotherapie“, resümieren Holz und Michael, die an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken tätig sind. Erstaunlich sei zudem, dass auch die Abbrecherquote bei den unterschiedlichen Interventionen vergleichbar sei - obwohl das Aufnehmen und Aufrechterhalten einer sportlichen Aktivität gerade bei depressiven Patienten eine hohe Motivation voraussetze. Wie einige Untersuchungen belegen, verbessert Sport nicht nur die Symptome der Depression selbst. Auch Angst- oder Schlafstörungen, unter denen viele Patienten mit Depression zusätzlich leiden, werden offenbar positiv beeinflusst.

Zu der Frage, über welche Mechanismen Sport diese Wirkungen entfaltet, besteht noch Forschungsbedarf. Neben psychologischen Wirkmechanismen, wie einem erhöhten Selbstwertgefühl oder positiver Verstärkung, zeigen Studien auch, dass Bewegung sich auf physiologische Faktoren wie den Neurotransmitter- und Hormon-Haushalt sowie die Gehirnaktivität auswirkt. „Es gibt Hinweise, dass Areale, die mit störungstypischen Fehlfunktionen wie dem Grübeln in Verbindung stehen, durch das Training weniger aktiv sind“, greifen Holz und Michael ein Ergebnis heraus.

Mit konkreten Empfehlungen zu Art und Dauer der Sport-Ausübung halten sich die beiden Forscherinnen zurück und schließen sich damit den eher vorsichtigen Schlussfolgerungen der meisten Studienautoren an. „Die Untersuchungen sind methodisch sehr heterogen, und es sind durchaus noch Fragen offen“, sagen sie. Ungeklärt sei beispielsweise, welche Art des Trainings - aerob, anaerob oder als Kombination - die beste Wirkung erziele. Auch sei fraglich, ob es eine ideale Sport-„Dosis“ gebe. Patienten mit körperlichen Problemen sollten zuvor ihren Arzt kontaktieren und so ein an ihre Möglichkeiten angepasstes Maß finden. Bei Patienten mit bipolaren Störungen sollte außerdem berücksichtigt werden, dass eine manische Episode zu exzessivem und somit schädlichem Sportkonsum führen kann, oder dass eine solche Episode durch Sport ausgelöst werden könnte.

Moderates Training dürfte jedoch für die meisten Patienten möglich sein - und gilt auch wegen seiner Wirkung auf die allgemeine Lebensqualität und die körperliche Gesundheit als äußerst empfehlenswert. Nach Ansicht der Saarbrücker Psychologinnen sollten Patienten mit Depression daher motiviert und durch therapeutische Anleitung unterstützt werden, Sport in ihren Alltag einzubauen - zusätzlich zu Psycho- und Pharmakotherapie oder aber unabhängig von diesen. Nicht zuletzt kann man die Empfehlung zu mehr Bewegung auch auf den gesunden Teil der Bevölkerung ausdehnen. Denn die Studien belegen auch eine präventive Wirkung: Körperlich aktive Menschen entwickeln seltener eine Depression als wenig aktive.

E. Holz und T. Michael:
Sport und Bewegung bei Depression
PiD Psychotherapie im Dialog 14 (3); S. 61–63