Stammzellen könnten rheumatische Erkrankungen mildern

Stammzellen aus der Nabelschnur oder dem Knochenmark können möglicherweise das Immunsystem davon abhalten, den eigenen Körper anzugreifen. Sie werden deshalb für die Behandlung der rheumatoiden Arthritis und einer Reihe verwandter Erkrankungen erprobt. Ein Experte erläutert in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2013) die Ergebnisse chinesischer Forscher und die Projekte ihrer deutschen Kollegen.

Als Mesenchym wird das gallertartige Bindegewebe aus der vorgeburtlichen Phase bezeichnet, das beispielsweise die Blutgefäße in der Nabelschnur umgibt. Es enthält Stammzellen, die an anderer Stelle, etwa im Knochenmark, Zeit des Lebens als Ressource für die Bildung neuer Zellen zur Verfügung stehen. Neue Studien zeigen, dass diese mesenchymalen Stammzellen in vielfältiger Weise modulierend in das Immunsystem eingreifen, berichtet Professor Schmitt vom Universitätsklinikum Heidelberg. Dabei kommt es zur Bildung sogenannter regulatorischer T-Zellen. Diese spezialisierten Abwehrzellen verhindern, dass das Immunsystem die falschen Zellen angreift, was eine Autoimmunerkrankung zur Folge hat. Auch die rheumatoide Arthritis und einige Bindegewebserkrankungen werden zu dieser Gruppe gerechnet.

Die neuen Erkenntnisse machen mesenchymale Stammzellen für die Behandlung von rheumatischen Erkrankungen interessant, und laut Professor Schmitt gibt es erste Hinweise, dass die Funktion von mesenchymalen Stammzellen in rheumatischen Erkrankungen gestört sein könnte. Die neue Behandlung wurde zunächst an Tieren erprobt, die aus genetischen Gründen an Rheuma erkranken. Schon drei bis fünf Wochen nach der Behandlung mit mesenchymalen Stammzellen wurden günstige Auswirkungen auf die Gelenke festgestellt, berichtet Professor Schmitt. Laboruntersuchungen zeigten, dass es tatsächlich zur Vermehrung von regulatorischen T-Zellen gekommen war.

Erste klinische Erfahrungen am Menschen wurden in China gesammelt. Eine Arbeitsgruppe aus Nanjing, die laut Professor Schmitt derzeit international führend ist, hat mehrere Patienten mit systemischem Lupus erythematodes (SLE) behandelt. Der SLE ist eine besonders schwere Form der Autoimmunerkrankung, die neben den Gelenken auch Nieren und zahlreiche andere Organe angreift. Im Gesicht kommt es häufig zu einer charakteristischen Schmetterlingsflechte. Die Stammzellbehandlung hat laut Professor Schmitt die Beschwerden der SLE deutlich gelindert und die Nierenschäden begrenzt. Einige Patienten konnten nach der Behandlung die Dosis ihrer Immunsuppressiva senken oder sogar Medikamente, die das Abwehrsystem dämpfen, vollständig absetzen. Auch bei der systemischen Sklerose und dem Sjögren-Syndrom wurden erste Erfolge erzielt. Bei der systemischen Sklerose haben die Autoimmunattacken ausgedehnte Verhärtungen des Bindegewebes in der Haut und in inneren Organen zur Folge. Beim Sjögren-Syndrom ist die Erkrankung weitgehend auf Tränen- und Speicheldrüsen beschränkt.

Auch in Deutschland wurden erste Patienten behandelt. Mediziner aus Jena berichteten kürzlich über vielversprechende Ergebnisse bei fünf Patienten mit systemischer Sklerose. Insgesamt befindet sich die Anwendung von mesenchymalen Stammzellen aber noch in der frühen klinischen Erprobungsphase. In Deutschland wurden kürzlich die Voraussetzungen für eine weitere Erforschung geschaffen. Verschiedene Unikliniken haben sich zu einem MSC-Konsortium zusammengeschlossen, um ihre Arbeit zu vernetzen und die Kooperation mit zuständigen Behörden zu verbessern. Klinische Experimente mit Zellen müssen in Deutschland vom Paul-Ehrlich-Institut in Langen genehmigt werden.
Sicherheitsbedenken, darunter die Gefahr von Krebserkrankungen durch Stammzellen haben sich nicht bestätigt, berichtet Professor Schmitt.

M. Schmitt et al.:
Zelltherapie in der Rheumatologie: Chancen und Risiken der Therapie mit mesenchymalen Stromazellen
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2013; 138 (37);
S. 1852-1855