Das Abwandern der Physiotherapeuten

Stuttgart, Mai 2013 – Ähnlich wie in der Kranken- und Altenpflege könnte es in einigen Jahren auch in der Physiotherapie zu einem eklatanten Fachkräftemangel kommen. Zu diesem ernüchternden Schluss kommt die freie Journalistin Stephanie Hügler nach ausführlicher Recherche zum Thema Arbeitsbedingungen und Bezahlung in der Physiotherapie. In der Fachzeitschrift "physiopraxis" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2013) schildert sie, wie sehr die teils harten Arbeitsbedingungen und die mageren Löhne die Therapeuten zermürben: "Nicht wenige kehren ihrem einstigen Traumberuf bereits frustriert den Rücken."

Mit einem durchschnittlichen Bruttogehalt von knapp 2000 Euro monatlich zählen Physiotherapeuten hierzulande zu den Niedrigverdienern. Der Grund liegt hauptsächlich in der schlechten Bezahlung durch die Krankenkassen, wie Hügler am Beispiel einer Universitätsklinik illustriert. Das Krankenhaus bezahlt seine angestellten Physiotherapeuten nach Haustarifvertrag und zahlt so bei der Physiotherapie letztlich drauf. Bereits die Gehaltskosten übersteigen den von den Krankenkassen für ambulante Leistungen erstatteten Betrag deutlich, zusätzliche Kosten für Verwaltung, Heizung, Miete und Reinigung machen die Therapiesparte vollends zum Minusgeschäft.

Kleine Praxen können sich das nicht leisten. Hier arbeiten Physiotherapeuten zu den oben genannten, wenig attraktiven Bedingungen. Nach Ansicht der drei großen physiotherapeutischen Berufsverbände in Deutschland hängt die schlechte Vergütung der therapeutischen Leistungen mit der Kopplung der entsprechenden Tarife an die Grundlohnsumme zusammen. Die Grundlohnsumme ist die Summe aller beitragspflichtigen Löhne und Gehälter. Aus ihr werden die Beiträge für die Krankenversicherung ermittelt. Die Grundlohnsummengrenze ist gesetzlich als Obergrenze für Vergütungserhöhungen festgelegt, wodurch eine angemessene Bezahlung von Physiotherapeuten verhindert wird. Eingaben beim Bundesgesundheitsministerium, mit denen die Verbände eine Aufhebung der gesetzlichen Kopplung erreichen wollten, blieben bislang erfolglos.

Die Verbände raten den Therapeuten dazu, sich breiter aufzustellen und den schlechten Verdienst durch eine längere Wochen- und Lebensarbeitszeit aufzubessern. Alternativen für ihre Mitglieder sehen die Fachverbände zudem in verwandten Fachbereichen, die aus anderen Töpfen finanziert werden. So können Physiotherapeuten etwa von der Pflegekasse bezahlte Schulungen für pflegende Angehörige geben, in der betrieblichen Gesundheitsförderung arbeiten oder an Adipositas-Programmen mitwirken. Dadurch könnten sie sich von den gesetzlichen Kassen unabhängig machen.

Diese Ausweichmanöver ändern jedoch nichts an der schlechten Bezahlung und der daraus folgenden mangelnden Attraktivität des Berufs. Hier erwarten sich viele Physiotherapeuten von ihren Berufsverbänden mehr Engagement, Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit. Kommentare, die physiopraxis auf Facebook gesammelt hat, zeigen, dass etliche Physiotherapeuten sich nicht ausreichend vertreten fühlen. Immer weniger sind bereit, von ihrem mageren Gehalt auch noch Mitgliedsbeiträge zu bezahlen. Ein Teufelskreis, findet Andrea Rädlein, die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Verbands für Physiotherapie. Sie bemängelt, dass derzeit noch nicht einmal die Hälfte der Kollegen in Berufsverbänden organisiert ist: "Wir könnten stärker sein, wenn alle mitmachen."

S. Hügler:
Traumberuf zu Albtraumlöhnen
physiopraxis 2013; 11 (4); S.10-13