Achtsam hinhören – Menschen mit Asperger sind überraschend anders

Dr. Christine Preißmann ist Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie und Autistin.

Mit dem Begriff „Autismus“ assoziiert man auch heute noch meist schwer behinderte Menschen, die der Sprache nicht mächtig sind und ganz in ihrer eigenen Welt leben. Dies trifft für einen Großteil der Betroffenen jedoch ebenso wenig zu wie die „Genialität“, das lexikalische Wissen oder die rätselhaften Sonderbegabungen, die immer wieder Aufsehen erregen.1944 beschrieb Hans Asperger eine Gruppe von Kindern, die intellektuell nicht beeinträchtigt waren und ein gutes Sprachvermögen hatten, die jedoch alle weiteren spezifischen Auffälligkeiten aufwiesen. Er nannte diese Kinder „autistische Psychopathen“, heute sprechen wir vom Asperger-Syndrom.

Wahrnehmung und Hürden im Alltag

Menschen mit Asperger-Syndrom sind häufig nur relativ leicht betroffen, meist schüchtern und zurückgezogen. Auf Außenstehende wirken sie etwas sonderbar, vielleicht sogar ungezogen oder aber einfach schwierig, ohne dass man jedoch eine Ursache erkennen und die Auffälligkeiten diagnostisch einordnen könnte. Daher wird den Betroffenen oft mit Unverständnis begegnet, und in vielen Fällen kann erst im Jugend- oder gar im Erwachsenenalter die richtige Diagnose gestellt werden.

Menschen mit Asperger stoßen im Alltag immer wieder an ihre Grenzen, obwohl sie sich meist große Mühe geben, die an sie gestellten Anforderungen zu bewältigen. Schwierigkeiten bestehen vor allem in der Kommunikation und bei sozialen Kontakten: Soziale Regeln, die andere Menschen intuitiv beherrschen, verstehen Menschen mit Asperger-Syndrom oft nicht, sondern müssen sie sich erst mühsam aneignen. Es gelingt ihnen nur schlecht, Mimik, Gestik oder Blickkontakt anzuwenden und richtig zu interpretieren. Daher entgeht ihnen im Gespräch so manches, was andere Menschen ganz selbstverständlich nebenher aufnehmen können. Auffällig sind außerdem die mangelnde Fähigkeit der Betroffenen zum wechselseitigen Austausch von Gedanken, Absichten und Empfindungen sowie ihre plumpen und ungeschickten Versuche der Kontaktaufnahme. Die zunächst nur unverbindliche, „spielerische“ Beziehungsaufnahme beherrschen sie oft nicht.

Asperger-Autisten können sehr ungewöhnliche Interessen in umschriebenen Bereichen haben, in denen sie über ausgeprägte Detailkenntnisse verfügen können. Außerdem sind sie oft motorisch ungeschickt und benötigen Hilfe und Anleitung bei scheinbar leichtesten Aufgaben, während sie schwierige Anforderungen manchmal nahezu mühelos erledigen. Daher wirken sie auf ihre Umgebung oft merkwürdig und geben den anderen doch einige Rätsel auf.

Informationen fördern Integration

Es ist also wichtig, durch Informationen über das Asperger-Syndrom das Miteinander zu verbessern und dabei alle Beteiligten einzubeziehen. Deshalb sind meine beiden Bücher so gestaltet, dass sie zunächst ausführliche Erfahrungsberichte mehrerer autistischer Menschen enthalten. Die Betroffenen beschreiben sehr anschaulich, welchen Schwierigkeiten sie in den unterschiedlichsten Lebensbereichen begegnen und was ihnen ganz konkret hilft. Das sind oft nur sehr kleine Maßnahmen, die ganz leicht geleistet werden können und eine sehr wertvolle Unterstützung darstellen können. Auf der anderen Seite enthalten die Ratgeber aber auch den notwendigen fachlichen Hintergrund und detaillierte Erklärungen. Auch so schwierige und sensible Themen wie Freundschaft, Partnerschaft, Sexualität und Kinderwunsch, Hygiene, Mobbing, Krankheit, Tod und Sterben werden thematisiert. Ziel ist es, Menschen mit Asperger eine Teilhabe in Schule, Beruf und Gesellschaft zu ermöglichen.

Das Thema Autismus bei Mädchen und Frauen blieb lange völlig unbeachtet. Jetzt kommen alle Beteiligten zu Wort: die selbst betroffenen Frauen ebenso wie zwei Mütter autistischer Mädchen sowie eine Psycho- und eine Ergotherapeutin, die erläutern, wie eine therapeutische Unterstützung für die Betroffenen aussehen kann. Das Buch stellt damit die erste Publikation dar, die sich ausführlich mit der Lebensrealität von Frauen mit Asperger-Syndrom in Deutschland beschäftigt. Die Schwierigkeiten finden dabei ebenso Beachtung wie die Stärken und Ressourcen betroffener Menschen.

Aufklärung, Toleranz und ein gemeinsames Miteinander

Ich bin Ärztin und zugleich selbst vom Asperger-Syndrom betroffen und kann daher von beiden Seiten berichten. Das Interesse am Thema Asperger ist derzeit generell sehr groß, und inzwischen gelingen auch realistische Darstellungen der betroffenen Menschen, denen man ihre Behinderung auf den ersten Blick nicht ansieht, immer besser. Die relative Normalität auf der einen Seite und den täglichen Hilfebedarf andererseits darzustellen, ist für mich ein wichtiges Ziel.

Für alle Beteiligten, das sind Pädagogen, Ärzte und Therapeuten, aber auch für die Betroffenen selbst und deren Umfeld sind ermutigende Beispiele dafür, wie andere autistische Menschen ihr Leben arrangieren, sehr hilfreich. Es geht mir dabei um Darstellungen, die nichts beschönigen, die aber doch deutlich machen, dass viele Verbesserungen möglich sind. Ich möchte zeigen, dass durch eine an Symptomen, Beschwerden und den eigenen Zielen orientierte Behandlung und Begleitung der Betroffenen das Leben auch mit einer autistischen Behinderung gelingen kann.

Obwohl autistische Menschen tagtäglich vielfältigen Schwierigkeiten ausgesetzt sind, haben aber auch sie durchaus ein glückliches Leben und besitzen oftmals die besondere Gabe, kleine Freuden des Alltags wahrzunehmen und zu genießen. In der Regel sind sie genau, haben einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, sind aufrichtig, pünktlich und zuverlässig. Meist sind sie ausgesprochen liebe und liebenswerte Menschen, wenn man sich die Mühe macht, sie näher kennenzulernen.

Es ist wichtig, der Gesellschaft zu vermitteln, dass alle Menschen verschieden sind, sie aber alle Fähigkeiten haben und gleich viel wert sind. Es liegt an uns allen gemeinsam, eine Gesellschaft zu schaffen, die kreativ und innovativ, flexibel und unkonventionell genug ist, um auf die vielfältigen neuen Herausforderungen antworten zu können. Daran müssen alle Menschen beteiligt werden – diejenigen, die sich „normal“ verhalten, genauso wie alle, die durch ihr Denken und Handeln, ihr Verhalten und ihre Ideen besondere und außergewöhnliche Persönlichkeiten darstellen, die diese Welt bereichern.

Es gilt das gesprochene Wort.
München, 27. Juni 2013

  • Ich bin Ärztin und zugleich selbst vom Asperger-Syndrom betroffen und kann daher von beiden Seiten berichten. Die relative Normalität auf der einen Seite und den täglichen Hilfebedarf andererseits darzustellen, ist für mich ein wichtiges Ziel.

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