Diät oder Operation? Wie Ärzte bei Fettleibigkeit helfen können

fzm, Stuttgart, Januar 2015 – Weniger Essen, mehr Sport! Wie viele andere gute Vorsätze, fallen auch diese oft wenige Tage nach Neujahr alten Gewohnheiten zum Opfer. Fakt ist: Nahezu jeder vierte Deutsche ist zu dick. Bei einer Fettleibigkeit oder wenn Begleiterkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck hinzukommen, besteht aus medizinischer Sicht Handlungsbedarf. Wann neben einer Diät und Sport auch Medikamente oder sogar eine Operation notwendig werden, erklären Experten in einem Dossier der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2015).

Übergewicht besteht, wenn der Quotient aus dem Körpergewicht und dem Quadrat der Körpergröße höher ist als 25 kg/m². Wenn dieser Body Mass Index (BMI) die Grenze von 30 kg/m² überschreitet, sprechen Ärzte von einer Fettleibigkeit oder Adipositas. Zu den möglichen Folgen gehören nicht nur der sogenannte Alterszucker, Typ 2-Diabetes, und Bluthochdruck, berichtet Dr. Alexandra Willms vom Städtischen Klinikum München-Bogenhausen. Übergewicht könne auch zu einer Schlaf-Apnoe oder Sodbrennen führen. Frauen litten nicht selten unter Hormonstörungen, Männer unter Impotenz. Bei beiden Geschlechtern steige das Risiko auf Herzkreislauferkrankungen und Krebs. Wer im mittleren Alter fettleibig ist, habe zudem im Alter ein vierfach erhöhtes Risiko, eine Demenz zu entwickeln.

Für Professor Matthias Blüher, der an der Universität Leipzig eine Adipositas-Ambulanz leitet, gibt es deshalb viele medizinische Gründe für eine Gewichtsreduktion. Wie dringlich das Problem ist, macht der Experte aber nicht nur vom BMI anhängig. Das Edmonton Obesity Staging System (EOSS) berücksichtigt auch die persönlichen Risikofaktoren und die mit dem Übergewicht einhergehenden körperlichen und psychischen Beschwerden. Denn nicht alle fettleibigen Menschen sind krank. Zumindest in der Altersgruppe unter 30 Jahren gibt es viele Menschen, die trotz Übergewicht kein erhöhtes Risiko auf Folgeerkrankungen haben. Diese „metabolisch gesunden“ Fettleibigen haben laut Professor Blüher keinen Nutzen von einer Ernährungstherapie.

Hochrisikogruppen hingegen rät der Experte zu einer Restriktionsdiät, bei der sie täglich 500 bis 600 Kilokalorien weniger zu sich nehmen als der Körper verbraucht. In der Regel nehmen die Teilnehmer pro Woche ein halbes Kilo ab. Auf diesen anfänglichen Gewichtsverlust folgt jedoch häufig eine Phase der Gewichtsstabilität oder ein Gewichtsanstieg. Ein Erfolg sei frühestens nach 24 Wochen zu erkennen, schreibt Blüher. Wichtig ist ferner ein Sport- und ein Verhaltenstraining. Dabei lernen die Patienten nicht nur, sich gesund zu ernähren. Auch eine bessere Stressbewältigung kann nach Erfahrung des Experten helfen, eine spätere Gewichtszunahme zu vermeiden. Darüber hinaus können Medikamente das Abnehmen unterstützen.

Wenn Diät, Sport und Medikamente erfolglos bleiben, kann eine Operation eine Gewichtsabnahme erzwingen. Eine Magenverkleinerung oder ein Magenbypass sind für viele extrem adipöse Patienten die einzige Hoffnung, schreibt Professor Rudolf Weiner von Sana-Klinikum Offenbach. Der Chefarzt der dortigen Klinik für Adipositaschirurgie und Metabolische Chirurgie spricht sich für eine frühzeitige Operation aus. Die Operationsverfahren hätten sich in den letzten Jahren weiter entwickelt und könnten heute in der Regel minimal-invasiv als „Schlüsselloch-Verfahren“ durchgeführt werden. Die bevorzugten Operationen sind heute der Schlauchmagen und der sogenannte proximale Magenbypass. Beim Schlauchmagen wird ein großer Teil des Magens abgetrennt und aus der Bauchhöhle entfernt. Dies begrenzt die Größe der Mahlzeiten und sorgt für ein frühes Sättigungsgefühl. Beim proximalen Magenbypass gelangt der Speisebrei aus einem verkleinerten Magen unter Umgehung des Zwölffingerdarms direkt in den Dünndarm, was nicht nur zur Gewichtsabnahme führt, sondern häufig auch einen Diabetes beseitigt.

Operationen kommen laut Professor Weiner jedoch nur für Patienten infrage, die die Folgen eines solchen Eingriffs begreifen und sich einer lebenslangen Nachbehandlung unterziehen. „Die Operationen sind kein Allheilmittel, nach denen die Patienten ihr früheres Leben fortsetzen können“, so der Experte.


J. F. Riemann:
Adipositas interdisziplinär angehen
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2015; 140 (1); S.18

A. Willms, T. Siegmund, P. M. Schumm-Draeger:
Adipositas – wie sie entsteht und welche Folgen sie hat
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2015; 140 (1); S.19-23

M. Blüher:
Konservative Therapie der Adipositas – wann und wie?
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2015; 140 (1); S.24-28

R. A. Weiner:
Adipositas – Wann ist der Chirurg gefragt?
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2015; 140 (1); S.29-33