Adipositas: Operation als Ausweg bei lebensgefährlichem Übergewicht

fzm – Menschen mit krankhaftem Übergewicht schaffen es in der Regel ohne professionelle Hilfe nicht, auf Dauer abzunehmen. Neben Diätberatung und Medikamenten bieten einige Kliniken jetzt Operationen an. Sie gelten bisher in Deutschland als letztes, aber wirksames Mittel, wenn andere Maßnahmen versagen, betonen Experten in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2010).

Eine gesundheitsschädliche Adipositas liegt vor, wenn der Body-Mass-Index (BMI) die Grenze von 30 kg/m2 überschritten hat. Bei bauchbetontem Fettansatz, der sogenannten viszeralen Adipositas, oder wenn Begleiterkrankungen wie Diabetes vorliegen, ist bereits ab einem BMI von 25 kg/m2 aus medizinischer Sicht eine Therapie notwendig. Schon eine Gewichtsabnahme um fünf bis zehn Prozent könne einen Typ-2-Diabetes, unter dem viele Adipöse leiden, bessern, schreibt Professor Andreas Hamann, Leiter der Diabetes-Klinik in Bad Nauheim. Oberstes Ziel ist eine Änderung des Lebens- und Ernährungsstils. Am effizientesten gelinge dies in strukturierten Gruppentherapieprogrammen, berichtet der Diabetes-Experte. Medikamente bieten nur in begrenztem Maße Unterstützung. Mit Rimonabant und Sibutramin wurden in letzter Zeit gleich zwei Wirkstoffe wegen zu hoher Risiken vom Markt genommen. Und unter Orlistat, dem einzigen noch zugelassenen Mittel, nehmen Adipöse nach den Erfahrungen des Diabetes-Experten nur etwa zwei bis drei kg zusätzlich ab.

Eine größere Gewichtsreduktion erzielen die Patienten unter einer sogenannten Formula-Diät. Dabei werden über sechs bis zwölf Wochen die Mahlzeiten ganz oder teilweise durch Fertigdrinks ersetzt. Diese drastische Maßnahme komme nur bei extrem Fettleibigen (BMI 35 oder höher) zum Einsatz, berichtet der Diabetologe: Gewichtsabnahmen von 20 kg seien möglich und günstige Auswirkungen auf die Begleiterkrankungen schon bald erkennbar. Doch Professor Hamann weiß: Ohne ein hohes Maß an Motivation und ohne eine intensive Nachbetreuung nehmen die meisten Patienten später wieder zu.

Vielen Patienten kann nur noch durch eine Operation geholfen werden, bei der der Magen verkleinert und manchmal auch der Darm verkürzt wird. Das Ergebnis ist nicht nur eine deutliche Gewichtsabnahme, berichtet Professor Rudolf Weiner, Chefarzt am Krankenhaus Sachsenhausen in Frankfurt, das derartige Operationen anbietet. Bei vielen Patienten bessere sich bereits wenige Tage nach der Operation auch der Typ-2-Diabetes – oft schon bevor eine Gewichtsabnahme eingetreten ist.

Die medizinischen Vorbehalte gegenüber der Adipositas-Chirurgie sind weitgehend ausgeräumt, berichtet Professor Weiner. Es gebe inzwischen klare Standards für die Operation und für die Vor- und Nachsorge. Auch die Hemmschwelle für die Patienten sei gesunken, da die meisten Eingriffe als Schlüssellochoperation “minimal-invasiv” möglich sind. Die Operationen sind zwar nicht ganz ohne Risiko, doch die Bilanz sei positiv. Professor Weiner: Die Gefahr, an den Folgen der Adipositas vorzeitig zu sterben, wird um einen Faktor von mindestens 9 gegenüber konservativ behandelten Patienten und um einen Faktor von mindestens 20 gegenüber unbehandelten Patienten gesenkt. Auch die Kosteneffizienz der Operation sei belegt. Der Mediziner fragt sich deshalb, warum die Adipositaschirurgie in Deutschland im Vergleich zu den Nachbarländern nur sehr schleppend eingesetzt wird.

 

Für welche übergewichtigen Patienten eine Operation in Frage kommt und was sie hinsichtlich der Stoffwechselerkrankung Diabetes bewirken kann, ist Thema auf einer Pressekonferenz im Rahmen des Kongresses Viszeralmedizin 2010, am 16. September 2010 in Stuttgart.

R. A. Weiner:

Konservative oder chirurgische Therapie der Adipositas - Pro chirurgische Therapie.

DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2010; 135

(34/35): S. 1692

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