„Ich weiß nicht, was ich fühle“ – das Unvermögen alexithymer Menschen

fzm – Max Frischs Romanfigur „Homo Faber“ ist der Inbegriff des Verstandesmenschen – ein Ingenieur, der lieber über Schiffsmotoren redet als über Gefühle. Menschen, die unfähig sind, ihre Gefühle auszudrücken und die Gefühle anderer richtig zu deuten, werden von Wissenschaftlern als „alexithym“ bezeichnet. Zu Deutsch: gefühlsblind. Wie der Facharzt für Psychotherapie Dr. Henrik Kessler mit seinen Kollegen vom Universitätsklinikum Ulm nun in der Fachzeitschrift „PPmP Psychotherapie, Psychosomatik, Medizinische Psychologie“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2010) zeigen konnte, sind „gefühlsblinde“ Menschen „expressiv gehemmt“. Das heißt: Sie kontrollieren ihre Emotionen stärker als andere Menschen oder nehmen ihre Gefühle nicht angemessen wahr.

„Alexithymie bezeichnet die Schwierigkeit, Gefühle zu erkennen und zu beschreiben, eine funktionale Art des Denkens und einen nach außen orientierten Denkstil“, erläutert Kessler. Bereits in den ersten Studien zur Alexityhmie, so Kessler, ließ sich per Videoanalyse nachweisen, dass gefühlsblinde Personen weniger Emotionen in ihrer Mimik ausdrücken als andere. Insbesondere aggressive Gefühle schlagen sich bei alexithymen Menschen gar nicht oder kaum im Mienenspiel nieder. Ihr Gesicht ist bewegungsarm – es erinnert an ein Pokerface, das sich schwer deuten lässt.

„Inzwischen wird Alexithymie als Risikofaktor für verschiedene körperliche und psychische Krankheiten gesehen und in einen Zusammenhang mit dem Erkennen und Regulieren von Emotionen gestellt“, resümiert Kessler den Forschungsstand. Das „Nicht-Erkennen“ eigener Gefühle begünstigt die Entstehung psychischer Leiden, wie etwa somatoforme Störungen – jene körperlichen Beschwerden, für die keine organische Ursache zu finden ist. Wie epidemiologische Studie belegen, sind etwa zehn Prozent der Bevölkerung alexithym.

Menschen mit „Alexithymie“ sind nicht etwa gefühlskalt; vielmehr fällt es ihnen schwer, ihre existenten Gefühlsregungen richtig zu deuten und nach außen darzustellen. Nicht ihre Gefühle sind gestört, sondern ihr Verstand ist unfähig, die empfundenen Emotionen verlässlich einzuschätzen. Es handelt sich laut Kessler bei der Alexithymie um ein Defizit in der „kognitiven Verarbeitung und Regulation von Gefühlen“.

In bisherigen Studien wurden Menschen zumeist gebeten, ihren Umgang mit Emotionen selbst einzuschätzen. Doch ob sie tatsächlich Schwierigkeiten haben, die Gefühle ihrer Mitmenschen richtig zu interpretieren, lässt sich mit dieser subjektiven Methode nicht erfassen. Aus diesem Grund wählte Kessler ein objektives Verfahren: Er zeigte seinen Probanden die Fotos von Gesichtern, in deren Minenspiel sich Basisemotionen wie Freude, Ärger oder Ekel ausdrückten. Anschließend mussten die Versuchspersonen sich dann entscheiden, welche Emotion in den Foto-Gesichtern zu sehen war. Das Ergebnis: Subjektiv eingeschätzte Kompetenz und objektives Erkennen von Emotionen hängen nicht miteinander zusammen – es ergab sich kein statistischer Zusammenhang. Wie gut Menschen darin sind, Gefühlszustände aus Gesichtern heraus zu lesen, wissen sie selbst nicht.

H. Kessler et al.:
Regulation von Emotion und Alexithymie: Eine korrelative Studie.
PPmP Psychotherapie, Psychosomatik, Medizinische Psychologie, 2010, 60 (5): S. 169-174.

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