Alkoholismus: Therapeutisches Klettern kann Entzugsbehandlung unterstützen

fzm, Stuttgart, August 2015 – Ein Kletterkurs kann Menschen mit Alkoholproblemen helfen, Ängste zu überwinden und ihr Selbstvertrauen im Rahmen einer stationären Entzugsbehandlung stärken. Dies zeigen die Ergebnisse einer Studie in der Fachzeitschrift „Suchttherapie“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2015).

Viele Menschen mit Alkoholproblemen leiden unter Depressionen und Angststörungen. Ein geringes Selbstwertgefühl und die fehlende Überzeugung, mit den eigenen Fähigkeiten ein gewünschtes Ergebnis erreichen zu können – Psychologen sprechen von einer verminderten Selbstwirksamkeitserwartung – tragen dazu bei, dass die Kranken es nicht schaffen, ihre Trinkmenge zu begrenzen, schreibt Dr. Leila Maria Soravia von der Klinik Südhang.

In dem Kompetenzzentrum für Mensch und Sucht in der Nähe von Bern machen Therapeuten ihren Patienten seit einiger Zeit ein besonderes erlebnispädagogisches Angebot: Die Patienten können, wenn sie möchten, an einem Kletterkurs teilnehmen. Dreimal die Woche besuchen sie eine Kletterhalle in der Nähe der Klinik. Nach dem Aufwärmen und einigen Technikübungen geht es an die Kletterwand. Dort trainieren sie dann Patienten in Dreiergruppen. Anschließend gibt es eine Reflexions- und Feedbackrunde, in der sich die Patienten mit einem Therapeuten über die Erfahrungen austauschen.

Häufige Themen seien das Selbstwertgefühl, der Umgang mit den eigenen Grenzen, die Achtsamkeit und die Erfahrungen im Hier und Jetzt, erläutert Dr. Soravia. Die Übungen sollen nach Auskunft der ausgebildeten Psychotherapeutin Vertrauen und Verantwortungsgefühl der Patienten stärken: Sie sollen lernen, mit ihren Ängsten umzugehen und Stress besser zu verarbeiten.

Eine Untersuchung von 66 Patienten, die das Angebot der Klinik annahmen, zeigt, dass die meisten Teilnehmer durch das Klettertraining auch in ihrer Psyche gestärkt wurden. Im Beck Anxiety Inventory, einem Standardinstrument zur Erfassung von Angststörungen, kam es zu signifikanten Verbesserungen, berichtet Dr. Soravia. Auch in der deutschen Multidimensionalen Selbstwertskala und in einem Fragebogen zur allgemeinen Selbstwirksamkeitser¬wartung war erkennbar, dass die Kletterübungen ihr Ziel erreicht hatten. Vor allem Patienten mit einer ausgeprägten Angstsymptomatik profitierten von den Angeboten, so Dr. Soravia.

Das therapeutische Klettern führte dazu, dass die Patienten die Entwöhnungsbehandlung früher abschließen konnten. Sie verließen im Durchschnitt nach 81 Tagen die Klinik. Bei den Patienten, die das Angebot abgelehnt hatten, dauerte der stationäre Entzug im Durchschnitt 108 Tage. Der Unterschied war allerdings statistisch nicht signifikant, so dass ein Zufall nicht ausgeschlossen ist. Soravia hat bislang auch keine Informationen über die Rückfallquote. Die Therapeutin ist aber zuversichtlich, dass das therapeutische Klettern insbesondere für Patienten mit zusätzlicher Angstsymptomatik eine sinnvolle Ergänzung der Entzugsbehandlung in der Klinik sein kann.

L.M. Soravia et al.:
Klettern als Chance in der Suchtbehandlung. Effekte des therapeutischen Kletterns auf Angst, Selbstwertgefühl und Selbstwirksamkeitserwartung bei Patienten mit einer Alkoholabhängigkeit Suchttherapie 2015; Online erschienen am 15. Juni 2015
Doi: 10.1055/s-0035-1548898