Experte: Altersmedizinische Zentren könnten häufige Verlegungen vermeiden

fzm - Viele ältere Menschen leiden gleichzeitig an körperlichen und psychischen Gebrechen. Im Krankenhaus kommt es deshalb häufig zu Verlegungen der Patienten zwischen Abteilungen für Innere Medizin und Psychiatrie. Um unnötige Krankentransporte zu vermeiden, regt ein Experte in der Fachzeitschrift "DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2010) die Bildung altersmedizinischer Zentren an.

Das Vinzenz von Paul Hospital in Rottweil ist als Fachkrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie für eine Region mit 600 000 Einwohnern zuständig. Die gerontopsychiatrische Abteilung ist spezialisiert auf die Behandlung älterer Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen wie Demenz, Depressionen oder den Folgen einer Alkoholabhängigkeit. Doch viele Patienten haben neben ihrer psychiatrischen Erkrankung altersbedingt auch internistische Leiden. Häufig ist es aus ärztlicher Sicht schwer zu entscheiden, was im Vordergrund steht, berichtet Privatdozent Walter Hewer.

Der Chefarzt der gerontopsychiatrischen Abteilung nennt als Beispiel den Fall eines 74-jährigen Mannes, der sich mit einer Überdosis Tabletten das Leben nehmen wollte. Er wurde zunächst in einem Allgemeinkrankenhaus versorgt und wenige Tage später zur Behandlung der Depression in die Fachklinik nach Rottweil verlegt. Dort erlitt der schwer herz- und lungenkranke Patient einen Herzinfarkt. Er musste deshalb vorübergehend in ein anderes Krankenhaus verlegt werden, bis er zur Weiterbehandlung der Depression nach Rottweil zurückkehrte.

Derartige wiederholte Hin- und Rückverlegungen sind laut Dr. Hewer zwar selten. Dass ein Patient vor seiner Behandlung in Rottweil bereits in einem anderen Krankenhaus behandelt wurde oder später dorthin überwiesen wird, gehört aber zum Alltag. Eine von Dr. Hewer durchgeführte Analyse zeigt: Ein Drittel aller Patienten sind Verlegungsfälle.

Meist sind die Gründe nachvollziehbar. Symptome einer psychischen Erkrankung treten nach der Erfahrung des Experten häufig auf, wenn die Patienten eine schwere organische Erkrankung erleiden oder wenn sie durch den Aufenthalt in der Klinik überfordert sind. Andererseits stellen die Ärzte in Rottweil bei vielen Patienten fest, dass körperliche Leiden nicht ausreichend behandelt wurden. Leichtere Erkrankungen können die Internisten dort behandelt. Bei akuten Komplikationen wird jedoch eine Verlegung notwendig.

Da der Anteil älterer Patienten aus demografischen Gründen immer größer wird, sind nach Ansicht des Experten neue Versorgungsmodelle notwendig. Eine Möglichkeit wären altersmedizinische Zentren, in denen die körperlichen und psychischen Leiden der Patienten unter einem Dach behandelt werden könnten. Aber auch gerontopsychiatrische Konsiliar- und Liaisondienste, bei denen Psychiater die Betreuung der Patienten in den Allgemeinkrankenhäusern übernehmen, seien denkbar.

W. Hewer, H. W. Stark:
Verlegungen zwischen Gerontopsychiatrie und Allgemeinkrankenhaus: Analyse der Daten eines Jahres.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2010; 135 (1/2): S.13-18

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