Testosteron-Mangel im Alter: Risiken der Behandlung überwiegen

Stuttgart, November 2012 – Die Anti-Aging-Bewegung sieht im männlichen Geschlechtshormon Testosteron ein Mittel gegen das Altern schlechthin. Es soll nicht nur die Potenz stärken, sondern auch Knochen und Muskeln aufbauen und für eine ausgeglichene Psyche sorgen. Medizinisch haltbar sind diese Behauptungen nicht. Die Therapie mit Testosteron war in neueren Studien bei älteren Menschen sogar mit erheblichen Risiken verbunden, warnen Altersmediziner in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2012).

Im Alter lässt bei allen Männern die Produktion des Hormons Testosteron in den Hoden nach, bei einigen früher, bei anderen in geringerem Maße. Für einige Männer geht dies mit einem Verlust an Libido einher. Zunächst können Erektionen ausbleiben, später geht die Fähigkeit zum Geschlechtsverkehr verloren. Erst wenn alle diese Symptome vorhanden sind und die Testosteronwerte unter eine bestimmte Grenze fallen, stellt Autor Professor Cornelius Bollheimer vom Institut für Biomedizin des Alterns an der Universität Erlangen-Nürnberg die Diagnose eines „Late-onset-Hypogonadismus“, wie Mediziner den Testosteronmangel im Alter nennen.

Die im Alter nachlassenden körperlichen Kräfte und psychische Beschwerden wie Antriebsarmut oder Depressionen gehören nicht zu den Folgen eines Testosteronmangels. Dies hatte vor zwei Jahren die European Male Aging Study an über 3300 Männern aus acht europäischen Ländern ergeben. Der Late-onset-Hypogonadismus ist den Experten zufolge deshalb keine allgemeine Alterserscheinung. Vielmehr handelt es sich um ein umschriebenes sexualmedizinisches Syndrom des rüstigen älteren Mannes. Und das Phänomen ist deutlich seltener als allgemein angenommen. Nur etwa einer von 20 Männern leidet im Alter infolge eines Testosteronmangels unter sexueller Lustlosigkeit und Potenzmangel.

Zahlreiche Studien haben den Testosteronmangel bei älteren Männern in den letzten Jahren mit einer erhöhten Anfälligkeit auf Typ 2-Diabetes, seine Vorstufe Metabolisches Syndrom und Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung gebracht. Menschen mit niedrigen Testosteronwerten wurde sogar ein erhöhtes Sterberisiko bescheinigt. Bewiesen ist dies nach Einschätzung von Professor Bollheimer und seinen Mitautoren nicht. Der Versuch, durch eine Testosteronbehandlung Alterserscheinungen wie den Abbau von Knochen oder Muskelmasse zu verhindern, sei in den letzten Jahren gleich mehrfach gescheitert. In der TOM-Studie (Testosterone in Older Men with Mobility Limitations) kam es nur zu einer geringen Stärkung der Beinmuskeln. Stattdessen erkrankte einer von sechs Patienten an Herzinfarkten und anderen schweren Herz-Kreislauf-Störungen. Die auf sechs Monate angelegte Studie musste aufgrund dieser Störungen vorzeitig abgebrochen werden, berichten Professor Bollheimer und Kollegen. Aufgrund der kleinen Teilnehmerzahl und anderer Schwächen der Studie haben die Experten zwar Zweifel an der Stichhaltigkeit der Ergebnisse. Die Daten lägen aber auf dem Tisch und könnten nicht so leicht wegdiskutiert werden, meinen die Autoren.

Sie raten Ärzten deshalb vor allem bei älteren Menschen zur Zurückhaltung bei der Verordnung von Testosteronpflastern oder Gels – auch wegen anderer bekannter Risiken und Nebenwirkungen der Hormonpräparate. Dazu gehört eine Vergrößerung der Prostata, die auf die Harnröhren drücken kann. Testosteron könne durch die Vermehrung der roten Blutkörperchen auch die Fließfähigkeit des Blutes herabsetzen und dadurch Durchblutungsstörungen verursachen. Auch Depressionen und ein Schlaf-Apnoe-Syndrom würden begünstigt.

A. Hilbert-Walter, R. Büttner, C. Sieber, C. Bollheimer:
Testosteron im Alter - ein Update
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2012; 137(41): S. 2117-2122

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