Angst vor Fehlern gefährdet Patientensicherheit

fzm, Stuttgart, August 2015 – Für Ärzte oder Therapeuten können Behandlungsfehler schwerwiegende Folgen haben. „Die Angst, erneut einen Fehler zu begehen, und die damit einhergehende Unsicherheit können bis hin zur Berufsaufgabe führen", sagt Professor Dr. Tanja Manser. Zudem wächst mit der Verunsicherung gleichermaßen die Gefahr für weitere Fehler und damit das Risiko für die Patienten, falsch behandelt zu werden. In der Fachzeitschrift „PiD Psychotherapie im Dialog“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2015) fasst die Expertin den bisherigen Stand der Forschung zusammen.

Schon allein die Frage, wie häufig Behandlungsfehler eigentlich auftreten, ist schwer zu beantworten. Internationale Studien sprechen von vier bis 16 Prozent der Krankenhausaufenthalte, bei denen es zu unerwünschten Ereignissen im Behandlungsverlauf kommt. Manser verweist zudem auf eine norwegische Studie, in der 28 Prozent der befragten Mediziner angaben, bereits mindestens einmal in ein Ereignis mit schwerwiegenden Konsequenzen für den Patienten involviert gewesen zu sein. Wurden auch Fehler berücksichtigt, die für den Patienten nur leichte oder gar keine Konsequenzen hatten, waren sogar 92 Prozent der Mediziner betroffen.


„Ausschlaggebend für die Bewertung als Fehler ist nicht die tatsächliche, sondern die potenzielle Patientenschädigung", erläutert Tanja Manser, die das Institut für Patientensicherheit des Universitäts-Klinikums Bonn leitet. Denn auch Behandlungsfehler, die glimpflich ausgehen, dürften nicht totgeschwiegen, sondern müssten aufgearbeitet werden. Nur dann könne aus ihnen gelernt, Wiederholungen vermieden - und auch dem behandelnden Personal geholfen werden. In einer kanadisch-US-amerikanischen Studie gab über die Hälfte der an Fehlern beteiligten Mediziner an, nun mehr Angst vor erneuten Fehlern zu haben - auch wenn der zurückliegende Fehler nur leichte oder keine Konsequenzen für die Patienten hatte; rund ein Drittel litt vermehrt unter Schlaflosigkeit, bei ebenso vielen war das Vertrauen in die eigene Kompetenz angeschlagen.


Damit beginnt ein Teufelskreis - denn mit der Verunsicherung wächst auch die Gefahr weiterer Fehler. Daher sei dieses Thema nicht nur im Hinblick auf die Psychohygiene der Behandler wichtig, sondern auch im Hinblick auf die Patientensicherheit, betont die Expertin. Ein Chirurg, der mit zitternden Händen am OP-Tisch steht, ist ganz offensichtlich ein Risiko für den Patienten. Doch auch subtilere, „weiche" Faktoren wie Urteilsfähigkeit, Entscheidungsfindung und Kommunikation können nach der Beteiligung an einem Fehler beeinträchtigt sein. „Auch das mindert die Leistung, schürt neue Ängste und kann letztlich in Depression und Burnout münden", sagt Manser.


Obwohl die Mehrzahl der Mediziner mindestens einmal im Verlauf ihres Berufslebens mit einer solchen Situation konfrontiert ist, fehlt eine gezielte Unterstützung beim Umgang mit Behandlungsfehlern bisher weitgehend. „Bislang findet die Aufarbeitung von Fehlern hauptsächlich allein statt, Gesundheitseinrichtungen und Führungskräfte nehmen ihre diesbezügliche Verantwortung nur unzureichend wahr", sagt Tanja Manser. Daher sei es dringend nötig, eine offenere Fehlerkultur zu entwickeln, Anlaufstellen für Betroffene einzurichten und bereits in der Ausbildung darauf einzugehen, wie mit belastenden Situationen umgegangen und wie sie bewältigt werden können.


T. Manser:
Angst vor Fehlern in Gesundheitsberufen
PiD Psychotherapie im Dialog 2015; 16 (2); S. 80-82