• 3D-Röntgen-Abbild eines schmerzenden Knies © psdesign1/Fotolia.com

    Arthrose im Knie verursacht mitunter starke Schmerzen. Dennoch ist Bewegung die beste Medizin. © psdesign1/Fotolia.com

     

Arthrose im Knie: Physiotherapie sollte erste Therapieoption sein

fzm, Stuttgart, Oktober 2017 – Experten schätzen, dass fast jeder dritte 45- bis 67-Jährige in Deutschland an Arthrose erkrankt ist. Nicht selten betrifft der Gelenkverschleiß das Knie und verursacht Schmerzen. Ärzte raten dann oft zu Injektionen ins Gelenk oder zur Einnahme von Medikamenten. Internationale Leitlinien empfehlen in allen Stadien der Arthrose Physiotherapie, Krafttraining und Gewichtsreduktion als primäre Behandlungsmaßnahmen. „Dies kann dann gegebenenfalls mit Injektionen und Medikamenten kombiniert werden“, sagt Tobias Baierle, Leiter der „Reha in der ATOS-Klinik Heidelberg“, im Gespräch mit der Fachzeitschrift „physiopraxis“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2017).

Die Versuchung, ein schmerzendes Gelenk zu schonen und mit entzündungshemmenden Medikamenten zu behandeln, ist groß. Diesem Drang sollten Arzt und Patient aber nur während eines akuten Entzündungsschubs nachgeben, wenn das Gelenk warm und geschwollen ist und es sogar nachts oder in Ruhe schmerzt. „Sobald die Entzündung abgeklungen ist, sollte eine Phase mit aktivem Training beginnen“, rät Baierle, der sich auf orthopädische Rehabilitation spezialisiert hat. Um die Funktion des Gelenks zu erhalten oder sogar zu verbessern, sei sowohl medizinisches Krafttraining sinnvoll, als auch Übungen für Beweglichkeit und Balance. Diese hätten sich in Studien als wirkungsvoller erwiesen als etwa die alleinige Therapie mit Hyaluronspritzen ins Gelenk. Die Injektion von synthetischer Hyaluronsäure bei Arthrose soll die fehlende natürliche Gelenkflüssigkeit ersetzen und so die Schmerzen lindern.

Damit Patienten motiviert trainieren, ist es nach Baierles Erfahrung wichtig, ihnen zu erklären, wie der Schmerz im Knie entsteht und welche Übungen weshalb helfen. Denn auch wenn die Knorpelschicht des Kniegelenks stark angegriffen ist – die Schmerzen entstehen an anderer Stelle: „Der geschädigte Knorpel setzt Entzündungsstoffe frei, die dann andere Gelenkstrukturen in Mitleidenschaft ziehen“, erklärt Tobias Baierle. So sei bei 90 Prozent der arthrotischen Kniegelenke die Gelenkinnenhaut entzündet. Zudem werden Kapsel-, Band- und Sehnenstrukturen infolge der Entzündungsprozesse schmerzempfindlicher.

Gezieltes Training kann den Knorpelstoffwechsel wieder ins Lot bringen und so Entzündungen der Gelenkkapsel entgegenwirken. Außerdem kräftigt es die Muskeln, die das Gelenk stabilisieren und entlasten. Nicht zuletzt wird durch körperliche Aktivität auch das psychische und physische Wohlbefinden gesteigert. „Der Nutzen eines medizinischen Trainings übersteigt deutlich den von entzündungshemmenden Medikamenten“, betont Tobias Baierle – und das ohne das Risiko von Nebenwirkungen.

Der Heidelberger Experte empfiehlt seinen Patienten außerdem Sportarten, bei denen die Kniegelenke eher sanft durchbewegt werden. Dazu zählen Radfahren, Schwimmen, Nordic Walking oder auch Tai Chi. Sportarten mit hoher Stoßbelastung, wie etwa Tennis, Skifahren oder Fußball, seien für Patienten mit Kniebeschwerden dagegen nicht geeignet.
Eine zu große Belastung des Gelenks sollte auch in anderer Hinsicht vermieden werden: „Stark übergewichtige Patienten sollten in jedem Fall versuchen abzunehmen, um ihre Kniegelenke zu entlasten“, sagt Baierle. Immerhin müssten die Knie bei jedem Schritt das ganze Körpergewicht auffangen. Hier sei es jedoch wichtig, die Gewichtsreduktion mit einem gezielten Krafttraining zu begleiten, damit mit den Pfunden nicht auch wertvolle Muskelmasse dahinschmilzt – denn die wird für die Stabilisierung des geplagten Gelenks dringend gebraucht.

„Gewicht runter und aktiv werden“
Interview von Stephanie Moers mit Tobias Baierle
physiopraxis 2017; 15 (10), S. 34–37

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