Arzt in Teilzeit kein Problem – Frauen können die Grenzen der Medizin überwinden

Stuttgart, März 2012 - Der Arztberuf stellt Frauen wie Männer vor besondere Herausforderungen. „Schuld daran sind die ‚a-sozialen’ Arbeitszeiten“, so Dr. med. Astrid Bühren, Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und Ehrenpräsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes bei einer Podiumsdiskussion, die zum Erscheinen der neuen Zeitschrift „XX – Die Zeitschrift für Frauen in der Medizin“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart) in München stattfand. Die Unvereinbarkeit von Beruf und Familie schrecke heute viele Medizinerinnen von einem Berufsweg am Krankenbett ab. Dabei liegen die Lösungen auf der Hand: Mehr Teilzeitstellen und eine bessere Kinderbetreuung in den Kliniken.

Von den Erstsemestern in der Medizin sind 70 Prozent weiblich, von den Berufseinsteigerinnen 60 Prozent. Auf den Führungspositionen in der Medizin finden sich je nach Fachgebiet jedoch nur zwischen fünf bis zehn Prozent Frauen. Vier Herausgeberinnen der neuen Zeitschrift diskutierten mit cirka 75 Ärztinnen über die Hürden, die sie überwinden mussten und die Chancen, die es für Frauen in der Medizin gibt. Einig waren sie sich darin, dass Beschäftigungsverhältnisse in Teilzeit für Ärztinnen, aber auch Ärzte ebenso wie für Kliniken attraktiv seien. „Zwei Ärztinnen in Teilzeit arbeiten wie 200% - strukturiert, verlässlich, nichts bleibt liegen“, erzählte Frau Professor Dr. med. Marion Kiechle aus ihrer Erfahrung als Ärztliche Direktorin der Frauenklinik am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München. Teilzeit lasse sich problemlos in den Klinikalltag integrieren, betonte auch Frau Professor Dr. med. Doris Henne-Bruns, eine der wenigen Chirurginnen in Deutschland, die eine Universitätsklinik leitet. Hierbei müsse man nur die jeweils passenden Arbeitszeitmodelle finden. „Natürlich kann ein Chirurg nicht nach vier Stunden gehen, wenn eine Operation acht Stunden dauert“, erläuterte die Ärztliche Direktorin der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationsmedizin des Universitätsklinikums Ulm. „Aber es gibt auch die Möglichkeit, wochen- oder tageweise zu arbeiten“.

Ein weiterer Appell der vier Ärztinnen und Herausgeberinnen der neuen Zeitschrift für Frauen in der Medizin war ebenfalls an die Klinikleitungen adressiert: Die Kinderbetreuung in den Krankenhäusern muss weiter ausgebaut werden. „Eine Klinik ist attraktiv für Arbeitnehmer, wenn sie sich keine Sorgen um die Kinderbetreuung machen müssen“, betonte Professor Henne-Bruns. Dies sei in Zeiten, in denen Kliniken händeringend gut ausgebildete Ärzte suchten, unverzichtbar. Trotzdem ist es hierzulande noch kein Standard. Die junge Gastroenterologin Dr. med. Anja Haas konnte zwar ihre Facharztweiterbildung in Teilzeit machen, bekommt aber immer wieder Probleme durch die Öffnungszeiten der Kindertagesstätte für ihre Tochter. „Ich komme oft zu spät, und das obwohl wir eine Kita gefunden haben, die morgens um sieben öffnet“, sagt sie.

Damit sich die Rahmenbedingungen im Krankenhaus familien- und oft auch frauenfreundlicher gestalten, müssten sich Frauen aktiv in die politische Arbeit der medizinischen Gremien einbringen. Dazu ermunterten die vier Herausgeberinnen der XX ebenfalls bei der Podiumsdiskussion. Dr. Bühren lud ihre zuhörenden Geschlechtsgenossinnen zum nächsten Ärztetag nach Nürnberg ein: „Einfach anmelden, hinfahren, zuschauen, anhören und dann mitmachen.“ Nur so könnten Frauen sicher stellen, dass ihre Themen und Anliegen auf die Agenda kämen.

Bei der Podiumsdiskussion, zu der ausschließlich Ärztinnen eingeladen waren, diskutierten rund 75 Frauen sämtlicher Altersgruppen und Fachrichtungen intensiv über Karriere, Kind, Weiterbildung, Arbeitszeiten, Bürokratie und Arbeitsschutz. Dabei wurde auch deutlich, dass es nicht nur die äußeren Grenzen sind, die Frauen an der Karriere hindern. Häufig sind es die Grenzen im eigenen Kopf, dass sich Frauen weniger zutrauen, weniger einbringen und weniger fordern. „Macht, was Euch erfüllt – sei es Chirurgie oder Gastro-enterologie“, riet deswegen Professor Henne-Bruns den Zuhörerinnen.

„XX - Die Zeitschrift für Frauen in der Medizin“ erscheint ab sofort fünfmal im Jahr im Georg Thieme Verlag. Sie richtet sich an Ärztinnen aller Fachgebiete, die ihre Chancen in der Medizin verbessern und von einer umfassenden Diskussion der Chancengleichheit und der Vereinbarkeit von Beruf und Familie profitieren wollen. Begleitend zum gedruckten Heft gibt es auch eine Internetseite unter www.thieme.de/XX. In zwei Blogs berichten dort zwei Ärztinnen aus ihrem jeweiligen Berufsalltag als werdende Mutter und als Mutter zwischen Visite und Kindertagesstätte.

Call to Action Icon
Ansichtsexemplar Bestellen Sie hier!