Arztbild im Wandel: Abschied vom gesunden Halbgott in Weiß

fzm, Stuttgart, Januar 2016 – Dürfen Ärzte krank werden? Bis in die Neuzeit hinein vertraute die Bevölkerung einem Medicus nur, solange er seine Fähigkeiten durch seine gute Gesundheit belegen konnte. Später opferten sich Ärzte bei der Behandlung von Infektionskrankheiten für ihre Patienten. Heute sind Krankheiten auch bei Ärzten kein Tabu mehr. In der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2015) zeichnet ein Medizinhistoriker ein stark verändertes Bild von der Arztgesundheit.

Hippokrates forderte vom Arzt ein gesundes Aussehen und einen guten Ernährungszustand. Denn wer sich selbst nicht zu helfen wisse, könne andere Menschen nicht heilen. Dieses Arztbild war noch Anfang des 20. Jahrhunderts die Norm, als Thomas Mann im Zauberberg den kranken Arzt als „Paradoxon“ und „problematische Erscheinung“ bezeichnete. Nur Platon sah in dem körperlich gebrechlichen Arzt ein Vorbild, der durch seine Krankheit ein besseres Verständnis für die Leiden seiner Patienten erwerbe. Auch Nitzsche war später dieser Ansicht. Die beiden Philosophen waren aber in der Minderheit. Die meisten Menschen wünschten sich vermutlich einen gesunden Arzt, berichtet Professor Daniel Schäfer vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin in Köln.

Diesem Ideal entsprachen die Mediziner in der Vergangenheit jedoch nur selten. Einen Beleg dafür fand Professor Schäfer in den in Antike und Mittelalter beliebten Ratgebern zur gesunden Lebensführung. Dort wurden Biografien alter Menschen als Beispiele einer vorbildlichen Lebensweise angeführt. Ärzte waren darunter verhältnismäßig wenige, berichtet der Medizinhistoriker. Offenbar hielten viele Mediziner sich nicht immer an die ausgegebenen Lebensregeln. Ob dies auf ihre sitzende Tätigkeit, das „Leiden der Gelehrten“, zurückzuführen war, war unter den Zeitgenossen bis ins 18. Jahrhundert umstritten. Später wurde eine gewisse Kurzlebigkeit der Mediziner auf ihren heroischen Einsatz bei der Behandlung von Infektionskrankheiten zurückgeführt. In diesen Fällen konnten es sich Ärzte erstmals „leisten“, ihre Gesundheit infrage zu stellen, so der Medizinhistoriker. Allerdings nur, wenn die Krankheiten eine Nebenwirkung ihres Dienstes zum Wohl der Menschheit war. Dies stärkte das Image des „Halbgottes in Weiß“, das ab den 1970er Jahren ins Wanken geriet.

Ärzte galten plötzlich nicht mehr als kraftstrotzende Menschen mit einer unerschütterlichen Gesundheit, immer dazu bereit, sich im beruflichen Alltag für ihre Patienten zu opfern. Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer beschreibt die Mediziner 1977 in einem einflussreichen Bestseller als „hilflose Helfer“: Vom Beruf überfordert erkranken sie an Burnout und Depressionen, sie gelten als anfällig für Suchterkrankungen und Suizidgedanken. Hinzu kam eine „Gratifikationskrise“: Das Einkommen vieler Ärzte entsprach nicht mehr dem empfundenen beruflichen Einsatz oder dem früheren beruflichen Prestige.

Dass Ärzte tatsächlich kränker sind als andere Menschen, ist laut Professor Schäfer nicht erwiesen. Moderne Statistiken zeigen seit den 1920er Jahren eindeutig eine längere Lebenserwartung von Ärzten. Dass viele Ärzte zum Opfer ihres Berufes werden, sei nicht nachweisbar. Einzig die Suizidrate ist höher als in anderen Berufsgruppen. Dies könnte neben der Überforderung im Beruf auch durch den leichteren Zugang zu Medikamenten erklärt werden, die bei einer Überdosierung tödlich sind.

D. Schäfer:
Hilflose Helfer? Über Gesundheit und Krankheit von Ärztinnen und Ärzten aus historischer Sicht
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2015; 140 (25); S. 1913−1918