Als der Arztfinger und sein Ring noch Krankheiten heilten

fzm – Der gute Ruf des "Arztfingers" hat zuletzt gelitten, seit die Medien über die Versuche vereinzelter Chirurgen berichteten, sich durch Abtrennen eines Fingers hohe Entschädigungen von ihrer Versicherung zu erschleichen. Das wäre früher undenkbar gewesen, denn dem "medizinischen Finger" wurden vielfältige heilende Wirkungen zugeschrieben, die ein Medizinhistoriker in der Fachzeitschrift "DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009) vorstellt

Schon der antike Autor Plinius der Ältere (gestorben 79 n. Chr.) beschrieb in seiner Naturgeschichte ein wirksames Mittel gegen Furunkel. Es bestand aus Fliegen, die in ungerader Zahl mit dem "digitus medicus" zerrieben werden mussten, berichtet Professor Robert Jütte vom Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, Stuttgart. Der "digitus medicus" war der Ringfinger des Arztes, dem, vor allem an der linken Hand eine therapeutische Wirkung zugeschrieben wurde. Denn viele Menschen der Antike waren überzeugt, dass er über einen Nerv direkt mit dem Herzen verbunden war. Das hätten schon die alten Ägypter gewusst, sagten die alten Römer. Historische Schriften, die diese Ansicht bestätigen, wurden allerdings nie gefunden.

Die Heilkräfte des Arztfingers konnten durch einen Ring noch verstärkt werden. Weshalb Galen (129-216 n.Chr.), der berühmte Arzt der Antike, so berichten jedenfalls spätere Quellen, immer einen heilenden Stein am Finger getragen habe. Solche Ringe halfen beispielsweise gegen Augenleiden, wenn sie, nach einem wiederum von Plinius d. Ä. überlieferten Rezept, zusammen mit dem ausgestochenen Auge einer Eidechse in einem Glasgefäß so lange aufbewahrt werden, bis das Reptilienauge wieder seine Sehkraft erhielt. Andere Autoren berichten von Heilmitteln gegen Nervenblockaden oder gegen Unterleibsbeschwerden. Er wirkte allerdings nur, wenn im Ring ein Zauberspruch eingraviert war, so Professor Jütte.

Im Mittelalter bis in die Neuzeit hinein waren "Krampfringe" beliebt. Sie schützten beispielsweise vor Fallsucht. Deren Beschaffung war allerdings nicht einfach. Denn sie mussten, wie Professor Jütte einer englischen Handschrift aus dem 15. Jahrhundert entnimmt, aus den ersten Geldstücken geschmiedet werden, die Gläubige am Karfreitag in fünf verschiedenen Pfarrkirchen gespendet hatten. Dieses und ähnliche Rituale brachten die betroffenen Patienten mit der Kirche in Konflikt, die sich nicht nur in England über derartige Gotteslästerungen beklagte. Professor Jütte: "Einer der vielen Vorwürfe, die man Jean d’Arc in ihrem Prozess machte, lautete übrigens, sie habe mit einem ihrer Ringe, in den die Namen Jesus und Maria eingraviert waren, Menschen geheilt." Noch bis ins 19. Jahrhundert waren Fingerringe gegen Krämpfe verbreitet. In Sachsen wurden sie von Schmieden in der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag aus Sargnägeln hergestellt, erläutert der Medizinhistoriker. Auch Galgenketten oder Grabbeigaben für verstorbene Wöchnerinnen galten als geeignetes Ausgangsmaterial.

Zum Glück ließen sich viele Krankheiten auch ohne Ringe durch bloßes Handauflegen heilen. Professor Jütte nennt in der DMW ein alt-englisches Rezept gegen Schwellungen, für das man den Ringfinger und einen Zauberspruch benötigt. Auch Zahnschmerzen, Entzündungen und Warzen, Flechten und Hautausschläge konnten, gewusst wie, mit dem Ringfinger geheilt werden. Verraten sei ein Mittel gegen Schluckauf: Er verschwindet, wenn man (lange genug) den Ringfinger beugt und gleichzeitig die übrigen Finger streckt. Ob das auch vor Blutungen schützt, ist dagegen nicht so sicher.

Alles lang überwundener Unfug? Professor Jütte äußert Zweifel. "Wenn heute dem Händedruck oder der Berührung seitens des Arztes zunehmend wieder Bedeutung für die therapeutische Beziehung beigemessen werde", so der Medizinhistoriker, "dann mag es sinnvoll sein, sich auch an die symbolischen Zuschreibungen zu erinnern, die der Ringfinger im Laufe der Geschichte erfahren hat".

R. Jütte:
Wie der Arztfinger zum Goldfinger wurde.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2009; 134 (51/52): S. 2632-2637

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