Theodor-Axenfeld-Preis für Ulmer Augenärzte: Ganztägiger Einsatz von Datenbrillen schadet Augen nicht

Stuttgart, September 2009 – Spezielle Datenbrillen ermöglichen es, Bilder oder Beschriftungen in das menschliche Sichtfeld einzuspielen. Wissenschaftler sprechen von „augmented reality“ (AR, erweiterte Realität). Die zusätzlichen Informationen könnten Arbeitsschritte in der Industrie vereinfachen. Erste Studien in einem LKW-Werk haben gezeigt, dass Anwender die Brillen bei einem mehrstündigem Arbeitstag einsetzen können, ohne die Augen zu schädigen. Zu dieser Erkenntnis kommen Professor Dr. Jürgen Kampmeier, Oberarzt an der Augenklinik am Universitätsklinikum Ulm, und seine Kollegen. Die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) zeichnet die in den Klinischen Monatsblättern für Augenheilkunde (Georg Thieme Verlag, Stuttgart) veröffentlichte Studie jetzt mit dem Theodor-Axenfeld-Preis aus. Die Verleihung findet am 27. September 2009 im Rahmen der Jahrestagung der DOG in Leipzig statt.

„Die Technik der AR verspricht Arbeitsprozesse etwa in der Automobilindustrie zu verbessern“, erläutert Kampmeier. Beispielsweise bei der Montage von Fahrzeugen liefern Datenbrillen alle nötigen Informationen auf einen Blick. So erhält ein Monteur zu einzelnen Arbeitsschritten zusätzliche Hinweise aus der Bauanleitung in roter Schrift. Die Kombination aus virtuellem und realem Bild scheint dabei vor den Augen im Raum zu schweben. Ein Laser projiziert die Daten über die Brille direkt auf die Netzhaut.

„Bedenken gegenüber diesen Laserstrahlen konnten wir mit unserer Studie jetzt aus dem Weg räumen“, erklärt Kampmeier. Die Forscher der Augenklinik Ulm testeten in ihrer Studie zusammen mit dem Daimler Forschungszentrum, Ulm, zum ersten Mal Nutzen und Akzeptanz der neuen AR-Technologie bei ganztägigem Einsatz im Arbeitsalltag. „Dabei zeigte sich, dass die Laserstrahlen Struktur und Funktion der Augen nicht beeinträchtigen“, berichtet der Augenarzt. In ihrer Studie hatten die Forscher 45 Probanden analog zu ihrer täglichen Arbeitzeit von siebeneinhalb Stunden in einem LKW-Werk untersucht. Die Teilnehmer führten in dieser Zeit drei verschiedene Tätigkeiten aus: Sie montierten Spielzeugmodelle, sortierten Schrauben und bestückten Sicherungskästen mithilfe eines Steckplatz-Schemas.

Für die Zukunft stellen sich die Forscher weitere Anwendungsgebiete etwa in der Medizin vor. So könnte die Datenbrille dem Operateur die optimierte Position seiner Instrumente zeigen - der ständige Blick auf den Monitor bliebe ihm erspart. Auch Qualitätsverbesserungen durch einen Einsatz in der studentischen Lehre wie auch in der universitären Forschung seien denkbar, erläutert Kampmeier.

Die DOG zeichnet die Forscher vor allem für ihre neuen Erkenntnisse zur ganztägigen Anwendung der AR-Technik aus. Entscheidend sind die Originalität der Arbeit und die Fortschritte auf dem Gebiet der Augenheilkunde, so die Jury. Diese setzt sich aus der Schriftleitung der Klinischen Monatsblätter für Augenheilkunde und Vertretern der DOG sowie der ophthalmologischen Fachgesellschaften der Schweiz und Österreich zusammen. Den Theodor-Axenfeld-Preis vergibt die DOG seit 1964 alle zwei Jahre für herausragende Veröffentlichungen der Fachzeitschrift. Das Preisgeld von 1500 Euro stiftet der Georg Thieme Verlag.

Der Preis ist benannt nach Theodor Axenfeld, dem ehemaligen Herausgeber der Zeitschrift. Er prägte deren Inhalte bis zu seinem Tod 1930 wesentlich und baute sie zu einem wichtigen Publikations- und Weiterbildungsorgan aus.

Quelle der Originalarbeit: Kampmeier J et al. „Eignung monoklonaler „Augmented Reality“-Technologien in der Automobilproduktion“, Klin Monatsbl Augenheilkd 2007; 224:590-596