NOTES: Narbenfreie Bauchoperationen auch in Deutschland

Stuttgart, März 2009 – Früher hinterließ eine Bauchoperation eine lange und häufig schmerzhafte Narbe. Durch die "Schlüsselloch-Chirurgie" wurde sie durch mehrere kurze "Striche" ersetzt. Künftig wollen Ärzte gar keine Spuren mehr auf der Bauchdecke hinterlassen. In der Fachzeitschrift "DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009) stellt ein Experte das neue, äußerlich narbenfreie Operationsverfahren vor, das in der Fachwelt als NOTES bezeichnet wird.

NOTES steht für Natural Orifice Transluminal Endoscopic Surgery. Übersetzt heißt das: endoskopische Operation durch natürliche Öffnungen. Diese natürlichen Öffnungen sind derzeit die Magenwand und die Scheide, künftig möglicherweise auch der Enddarm oder die Blase. Von hier aus gelangen die Mediziner mit neuen, flexiblen, schlangenförmigen Endoskopen in den Bauchraum, um dort ihre Operationen durchzuführen. Der erste derartige Eingriff wurde 1998 in Frankfurt/Main durchgeführt, berichtet Professor Jürgen Hochberger vom St. Bernwardt Krankenhaus in Hildesheim. Damals öffneten Mediziner mit einem Endoskop die Magenwand, um dahinter gelegenes abgestorbenes Gewebe zu entfernen. Es hatte sich nach einer schweren Entzündung der Bauchspeicheldrüse gebildet.

Eine längere Reise durch den Bauchraum unternahmen indische Mediziner, als sie im Jahr 2004 vom Magen aus eine Blinddarmoperation durchführten. Einen anderen natürlichen Zugang wählten Anfang 2007 Mediziner in Brasilien und in den USA, um eine Gallenblase zu entfernen. Sie führten ihre Instrumente durch die weibliche Scheide ein. Kurze Zeit später bewiesen indische Mediziner, dass von hier aus auch eine Blinddarmoperation möglich ist.

Inzwischen verzeichnet ein deutsches NOTES-Register laut Professor Hochberger etwa 180 Eingriffe. Das Register wurde von der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie eingerichtet, um Komplikationen des neuen Operationsverfahren frühzeitig zu erkennen. Denn obwohl die Chirurgen die Operation zuerst an Tieren trainieren, ist derzeit noch nicht bekannt, wie sicher NOTES-Eingriffe sind. Erste klinische Studien seien jedoch vielversprechend, versichert der Experte. In einer brasilianischen Studie war 237 Mal die Gallenblase über die Scheide und 21 Mal durch die Magenwand hindurch entfernt worden. Todesfälle gab es nicht.

Die Operationszeiten seien jedoch, so der Autor, noch deutlich länger als bei einer Schlüsselloch-Operation, die in der Fachsprache als laparoskopischer Eingriff bezeichnet wird. Doch neue Entwicklungen benötigten eben ihre Zeit, um sich durchzusetzen, meint der Experte. Er betrachtet NOTES als einen besonders schonenden Eingriff, der vor allem für ältere und geschwächte Menschen vorteilhaft sein könnte. Auch bei fettleibigen Menschen könnte NOTES eine Alternative zur laparoskopischen Operation sein. Wegen der dicken Bauchdecke müssen die Chirurgen dort häufig mit extralangen Instrumenten hantieren. NOTES vermeide auch das Risiko von Wundinfektionen, zu denen es bei übergewichtigen Menschen nach offenen Operationen häufiger kommt.

NOTES könnte, da sie keine sichtbare Narbe hinterlässt, auch die Bereitschaft zur Nierenspende fördern. Schon jetzt würden, so Professor Hochberger, in den USA viele Nierenentnahmen durch den Bauchnabel durchgeführt, was als "embryonic" oder E-NOTES bezeichnet wird. Von den häufig jüngeren Lebendspendern werde das günstige kosmetische Ergebnis dankbar angenommen.

Die Aussicht, Operationen im Bauch- oder auch Brustraum narbenfrei zu gestalten, ist nicht nur für Chirurgen attraktiv. Auch Internisten, die durch Magen- und Darmspiegelung große Erfahrungen mit flexiblen Endoskopen haben, könnten sich für dieses neue Arbeitsgebiet interessieren, meint Professor Hochberger, selbst ein Spezialist für endoskopische Eingriffe. Er könnte sich vorstellen, dass NOTES zu einem Bindeglied zwischen der Bauchchirurgie und der Inneren Medizin werde. Vermutlich werde sich ein neuer Spezialist herausbilden, der zunächst Erfahrungen in der Endoskopie als auch in der Chirurgie sammeln muss, bevor er sich an die technisch sehr anspruchsvollen NOTES-Eingriffe heranwagen kann.

J. Hochberger et al.:
Transluminale Interventionen („NOTES”) - Aktueller Stand.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2009; 134 (10): S. 467-472

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