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    Wenn Männer nach einer Prostataoperation unter Belastungsinkontinenz oder Erektionsstörung leiden, helfen spezielle Übungen dabei, die Muskeln des Beckenbodens zu trainieren. © twinsterphoto – Fotolia.com

     

Beckenbodentraining für Männer: „Konzertpianist“ statt „Kirschkernpicker“

fzm, Stuttgart, November 2016 – Männer nehmen ihren Beckenboden oft ein Leben lang nicht bewusst wahr. Was die Muskelschichten leisten, die die Beckenhöhle nach unten hin abschließen, wird vielen erst nach einer Prostataoperation bewusst. Angesichts einer drohenden Belastungsinkontinenz oder Erektionsstörung trainiert auch Mann bislang unbekannte Körperregionen. In der Fachzeitschrift "physiopraxis" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2016) zeigt ein Physiotherapeut, welches Training Männer anspricht und wie sie ihren Beckenboden umfassend aktivieren können.

Die drei Schichten der Beckenbodenmuskulatur sind wie ein festes Sprungtuch zwischen Scham- und Steißbein sowie zwischen den beiden Sitzbeinhöckern aufgespannt. Sie unterstützen die Funktion von Blase und Darm, aber auch die aufrechte Körperhaltung und die Atmung. Bei Frauen schwächt beispielsweise eine Schwangerschaft den Beckenboden. Bei Männern kann er durch eine Prostataoperation so stark belastet werden, dass er seine Stützfunktion nicht mehr ausreichend erfüllen kann. In der Folge kann es zu Senkungsbeschwerden, Belastungsinkontinenz oder – bei Männern – Erektionsstörungen kommen.

„Das klassische Beckenbodentraining konzentriert sich auf Spannungsübungen des Beckenbodens und der Schließmuskulatur der Harnröhre und des Afters. Empfohlen wurde es bereits in den 1950er Jahren von dem Gynäkologen Arnold Kegel“, erläutert der Wiener Physiotherapeut Markus Martin. In der Regel wird versucht, die betreffenden Muskeln über bestimmte Vorstellungen zu aktivieren: Die Muskeln sollen sich wie ein Aufzug nach oben heben oder imaginäre Kirschkerne aufpicken. „Mit solchen Bildern lassen sich Männer erfahrungsgemäß schlecht anleiten und motivieren", weiß Markus Martin, der sich auf Beschwerden rund um Blase, Prostata und Beckenboden beim Mann spezialisiert hat.

Darüber hinaus hält er es nicht für sinnvoll, die Muskeln des Beckenbodens isoliert anzusprechen – damit lasse sich weder bei Frauen noch bei Männern ein ausreichender Trainingseffekt erzielen. Vielmehr müsse berücksichtigt werden, dass die stützenden Muskelschichten mit etlichen anderen Muskeln im Bein- und Rumpfbereich eng verbunden sind. „Strukturen, die derart eng miteinander in Beziehung stehen, beeinflussen sich gegenseitig und sollten daher auch gemeinsam trainiert werden", erläutert Martin. Sinnvolle physiologische Kopplungen zwischen den beteiligten Muskelgruppen könnten sonst durchbrochen und die Funktion sogar verschlechtert werden.

Aus diesem Grund hat Martin eine Reihe von Übungen entwickelt, die Beckenboden, Zwerchfell sowie Bauch-, Bein- und Rückenmuskulatur gemeinsam ansprechen. Einige davon lassen sich problemlos in den Alltag integrieren. Der „Konzertpianist" etwa kann bei jedem Aufstehen oder Hinsetzen praktiziert werden: Der gestreckte Oberkörper wird dabei leicht nach vorne geneigt, ohne dass der Bauch sich verkürzt. Das Steißbein soll in der Vorstellung nach hinten oben streben, sodass die Haltung beim Hinsetzen und Aufstehen an einen Konzertpianisten erinnert, der seine Frackschöße über den Hocker hebt.

Diese und andere Übungen kräftigen den Beckenboden, und die Patienten eignen sich mit der Zeit stärkende Bewegungsmuster an. „Damit automatisiert sich auch die Beckenbodenaktivität im Alltag, sodass er seine Funktion auch unter Belastung wieder voll erfüllen kann", sagt Markus Martin.

M. Martin:
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physiopraxis 2016; 14 (10); Seite 44–47