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    Schon leichte Depressionen können für ältere Diabetespatienten gravierende gesundheitliche Folgen haben. Eine speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Psychotherapie ist deshalb wichtig. © aletia2011 – Fotolia.com

     

Aktiv gegen Depressionen: Neuer Behandlungsansatz hilft Diabetespatienten

fzm, Stuttgart, März 2017 – Viele ältere Menschen mit Diabetes leiden auch unter Depressionen. Infolgedessen sind die Betroffenen häufig niedergeschlagen, antriebslos und vernachlässigen sich und ihren Blutzucker. Das verschlimmert wiederum die Depression und erhöht das Risiko für lebensbedrohliche Folgeerkrankungen des Diabetes. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, haben Psychologen und Ärzte der LWL-Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Ruhr-Universität Bochum eine Psychotherapie speziell für Menschen mit Diabetes entwickelt, die sie in der Fachzeitschrift „Diabetologie und Stoffwechsel“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2016) vorstellen. Bislang fehlte es an einem solchen Behandlungsansatz.

Menschen im Alter von über 65 Jahren, die neben einem Diabetes auch von einer Depression betroffen sind, stellen eine besondere Risikogruppe dar. Im Vergleich zu gleichalterigen nicht depressiven Diabetespatienten haben sie ein sehr stark erhöhtes Risiko für das Auftreten von gefäßbedingten Komplikationen, wie Nervenschädigungen, Herzinfarkt und Schlaganfall. Die Wahrscheinlichkeit für Menschen mit Diabetes und Depression frühzeitig zu versterben, ist damit höher. Studien zufolge spielt es dabei keine Rolle, wie schwer die vorliegende Depression ist. Schon leichte Depressionen können gravierende Folgen haben.

Das jetzt an der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Bochum entwickelte Behandlungskonzept „Wohlfühlen trotz Diabetes“ ist speziell auf ältere Menschen mit Typ-2-Diabetes zugeschnitten, die unter einer milden Depression leiden. Das erklärte Ziel von Professor Petrak und seinem Team ist es, die Lebensqualität der Patienten nachhaltig zu verbessern. Die Behandlung beginnt mit zwei Einzelgesprächen. Zunächst vermitteln Therapeuten Informationen zu Depressionen und den Zusammenhängen zur Stoffwechselkrankheit Diabetes. Danach werden individuelle Therapieziele festgelegt. Das zweite Vorgespräch thematisiert den Nutzen körperlicher Bewegung bei Depressionen, Diabetes und im Alter. Danach erhalten die Teilnehmer einen Schrittzähler.

Anschließend treffen sich die Patienten zwölf Mal zu wöchentlichen Gruppengesprächen. Dabei geht es vor allem um drei Themen, die Professor Petrak als Module bezeichnet. Das Modul A „Aktivität und Stimmung“ hat zum Ziel, die Patienten zu mehr Aktivität zu motivieren und ihnen den Zusammenhang von Handeln und Fühlen zu vermitteln. Damit das gelingt, führen die Teilnehmer zum Beispiel Stimmungsprotokolle. Darüber hinaus erhalten sie Wochenpläne, die ihnen einerseits Pflichten und andererseits angenehme Aktivitäten vorgeben, die sie bis zur nächsten Sitzung entsprechend abarbeiten müssen. Darüber hinaus steigern die Teilnehmer schrittweise ihre körperliche Aktivität. Mittels der ausgegebenen Schrittzähler können die Patienten nachvollziehen, ob sie in diesem Bereich ihre persönlichen Ziele erreicht haben.

Das Modul B „Gedanken, Bewertung und Wohlbefinden“ soll den Betroffenen helfen, ihre Depressionen abzubauen. Viele Patienten neigen laut Professor Petrak zu irrationalen, automatisch ablaufenden Gedanken. Ihre Gefühle bestimmen ihr Denken, was letztlich zur Aufrechterhaltung der depressiven Symptome beiträgt. Daher werden die Patienten in der Therapie dazu angehalten, ihre „dysfunktionalen“ Gedanken in Bezug auf den Diabetes oder andere Lebensbereiche aufzuschreiben. Die Gruppe diskutiert dann darüber, wie diese Gedanken beeinflusst werden können und wie wieder ein gesundes Verhältnis von Denken und Fühlen hergestellt werden kann.

Im dritten Modul C geht es um die Krankheitsbewältigung. Das Ziel ist, den Diabetes in das Leben zu integrieren. Dabei soll eine Balance zwischen einer angemessenen Aufmerksamkeit für den Diabetes und seine Behandlung sowie andere Aspekte des Lebens hergestellt werden. Übertriebene Sorglosigkeit soll ebenso vermieden werden wie ein Katastrophendenken. „Die Patienten sollen lernen, wie sie ihre Erkrankung im Alltag bewältigen, ohne dabei überfordert zu werden“, so Professor Petrak.

Nach zwölf Wochen finden die Gruppensitzungen – für die Dauer von einem Jahr – nur noch einmal im Monat statt. In dieser Langzeitphase werden die Techniken und Strategien aus der Kurzzeitphase wiederholt und eingeübt. Die Teilnehmer sollen dadurch in die Lage versetzt werden, langfristig mit depressiven Verstimmungen und negativen Folgen des Diabetes besser umzugehen.

Der neue Behandlungsansatz, der wissenschaftlich auf den Prinzipien der kognitiven Verhaltenstherapie basiert, wurde im Rahmen der Studie MIND-DIA (Minor Depression and Diabetes) untersucht. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat die Untersuchung gefördert. Auch wenn die endgültigen Ergebnisse noch ausstehen, gibt sich Professor Petrak optimistisch. Verglichen mit einer normalen ärztlichen Betreuung und mit regelmäßigen nicht-therapeutischen Gruppentreffen sei schon jetzt erkennbar, dass die neue Therapie die Stoffwechseleinstellung der Patienten und damit verbunden ihre Lebensqualität verbessert sowie den Verlauf der Depressionen positiv beeinflusst. Das vollständige Therapiemanual ist unter dem Titel „Ältere Menschen mit Diabetes und Depression – ein kognitiv-verhaltenstherapeutisches Manual“ im Springer Verlag erschienen.

M. Petrak, M. Hautzinger, J. Müller, S. Herpertz:
„Wohlfühlen trotz Diabetes“: Ein verhaltenstherapeutisches Gruppenprogramm zur Steigerung der Lebensqualität bei älteren Menschen mit Typ-2-Diabetes und leichten Depressionen. Diabetologie und Stoffwechsel 2016; 11 (6); S. 393–397