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    Behandeln Physiotherapeuten ohne Kenntnis der ärztlichen Verordnung, erreichen Patienten das Behandlungsziel mitunter sogar schneller. © WavebreakMediaMicro/Adobe.Stock.com

     

Physiotherapeuten erzielen gute Behandlungsergebnisse auch ohne ärztliche Vorgabe

fzm, Stuttgart, Mai 2018 – In Schweden, Norwegen und Finnland können Patienten ohne ärztliche Verordnung eine physiotherapeutische Behandlung in Anspruch nehmen. Der Therapeut entscheidet selbständig über Art, Dauer und Frequenz der Behandlung. Auch in Deutschland wäre das wünschenswert. Ein Modellvorhaben, das die Krankenkasse BIG direkt gesund mit dem IFK e.V. initiiert hat, belegt: Physiotherapeuten gehen verantwortlich mit der Entscheidungsfreiheit um. Die Ergebnisse sind aktuell in der Fachzeitschrift „physioscience“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart.2018) zu lesen: Demnach wählen die Physiotherapeuten ohne ärztliche Verordnung zwar teilweise andere Heilmittel, die den Behandlungserfolg jedoch nicht schmälern. Insgesamt erhielten die Patienten häufiger einen Mix aus unterschiedlichen Heilmitteln und erreichten ihr Behandlungsziel oft schneller.

Bereits 2007 forderte der Sachverständigenrat zur Entwicklung des Gesundheitswesens mehr Autonomie für Heilmittelerbringer und Pflegekräfte, nicht zuletzt um Ärzte von nichtmedizinischen Aufgaben zu entlasten. Ein Jahr später machte der Gesetzgeber den Weg zur Erprobung neuer Versorgungsformen in der Physiotherapie frei. Im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten konzipierten die BIG direkt gesund und der IFK e.V. das folgende Modellvorhaben: Zwischen Juni 2011 und September 2017 konnten Versicherte an dem Projekt teilnehmen und wurden zufällig in eine Modell- oder Kontrollgruppe eingeteilt. Dabei blieb der Arztkontakt für alle verpflichtend. Die Mediziner stellten die Diagnose und ordneten eine physiotherapeutische Behandlung an. In der Modellgruppe (MG) mit 334 Patienten entschied jedoch der Therapeut über Art, Dauer und Frequenz der Maßnahmen – ihm waren die Heilmittel auf der ärztlichen Verordnung nicht bekannt. In der Kontrollgruppe (KG) mit 296 Patienten handelten die Therapeuten nach ärztlicher Anweisung. Die Patienten litten zu 85 Prozent unter Wirbelsäulenbeschwerden. 15 Prozent klagten über Schmerzen an den unteren Extremitäten.

Die Auswertung ergab, dass die Therapeuten in der MG häufiger Allgemeine Krankengymnastik in Kombination mit Manueller Therapie und ergänzenden Heilmitteln wie Wärmetherapie anwendeten (33 Prozent gegenüber zehn Prozent). Auch verbanden die Therapeuten im Modell häufiger Allgemeine Krankengymnastik mit Manueller Therapie als in der Kontrollgruppe (32 Prozent gegenüber drei Prozent). Die Variabilität der Heilmittel war in der MG größer als in der KG. Insgesamt war die Behandlungsdauer in der MG mit 9,7 Wochen kürzer als in der KG mit 11,8 Wochen, wobei in der MG in einer leicht erhöhten Frequenz behandelt wurde. Unabhängig davon welcher Gruppe die Patienten angehörten waren die Patienten mit ihrer Behandlung zufrieden und erklärten, dass sich sowohl Schmerzen, als auch Funktion und Lebensqualität verbessert hätten.

Die vergleichbaren Behandlungserfolge legen nahe, dass wenn Physiotherapeuten frei über die Behandlungsmaßnahmen entscheiden können, sich keine Nachteile für die Patienten ergeben. Die im Mittel um zwei Wochen verkürzte Behandlungsdauer in der MG zeigt sogar, dass es von Vorteil sein könnte, in kürzerer Zeit intensiver zu behandeln.

Für Ute Repschläger, Vorstandsvorsitzende des IFK und Mitautorin der Studie, sprechen die Ergebnisse eine eindeutige Sprache: „Wenn Patienten direkt vom Physiotherapeuten behandelt werden, geschieht dies genauso wirksam wie nach einer ärztlichen Verordnung“, erklärt sie gegenüber der „physiopraxis“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2018). Der Vorstandsvorsitzende der BIG direkt gesund, Peter Kaetsch, pflichtet ihr bei und erklärt: „Von der Politik wünschen wir uns, den mehr als überfälligen Wandel einzuleiten und aus dem Delegationsmodell endlich ein Substitutionsmodell zu entwickeln, indem der Arztvorbehalt in Modellvorhaben zur Physiotherapie aufgehoben wird.“ Dann könnte man beispielsweise evaluieren, welche Patientengruppen den Direktzugang in Anspruch nehmen und inwiefern der Direktzugang zur Kosteneffizienz im Gesundheitswesen beitragen kann.

I. Nast et al.:
Das Modellvorhaben Physiotherapie der BIG direkt gesund und des IFK e.V.: Welche Heilmittel wählen Physiotherapeuten bei Unabhängigkeit von der ärztlichen Verordnung?
physioscience 2018; 14 (2); S. 69–79

E. Oldenburg:
Die Zeit für Modellvorhaben zum Direktzugang ist reif!
physiopraxis 2018; 16 (5); S. 10–12

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