Zu viel des Guten

fzm – Wie Menschen mit Behinderungen ihr Leben meistern und ihre Schwächen kompensieren, versetzt uns oft in Erstaunen: Menschen mit Sehbehinderung etwa orientieren sich manchmal perfekt über ihre Ohren, Menschen ohne Arme verrichten viele Alltagsdinge scheinbar mühelos mit ihren Füßen. In manchen Fällen kann die Kompensation jedoch zu weit gehen, wie die Scheidegger Physiotherapeutin Heidi Sinz in der Fachzeitschrift „physiopraxis“ berichtet (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2010).

Problematisch werden Kompensationsstrategien dann, wenn noch Restfunktionen vorhanden sind, die es zu erhalten und auszubauen gilt – wie im Fall von Andrea Szabadi Heine. Nach einem Unfall, bei dem sie sich eine fast komplette Querschnittslähmung der Beine zuzog, trainierte die sportbegeisterte junge Frau mit unverminderter Energie weiter. Dabei verließ sie sich nun aber überwiegend auf die Kraft ihrer Arme und Hände. Beim Paddeln, Ski- und Wasserskifahren - und selbst beim Klettern – überging sie ihre „nutzlosen“ Beine und bewegte sich hauptsächlich mithilfe der Arme vorwärts. Auch beim Gehen mit Gehstützen leisteten die Arme den Löwenanteil der Arbeit. „Mein Ziel, wieder ohne Gehstützen laufen zu können, behielt ich dennoch immer im Auge“, schreibt Szabadi Heine in dem Bericht, den sie gemeinsam mit ihrer Therapeutin Heidi Sinz verfasst hat.

Heidi Sinz lernte Andrea Szabadi Heine vier Jahre nach dem Unfall kennen. „Zu diesem Zeitpunkt waren die Füße in Andreas Körperschema kaum noch vorhanden“, sagt die Therapeutin. Sie positionierte ihren ganzen Körper mit den Händen und brachte mit ihrer Hilfe auch die Beine in die richtige Position. „Dabei war sie unglaublich schnell und – leider – auch sehr erfolgreich“, betont Heidi Sinz. „Sie musste erst lernen, ihre Füße wieder zu spüren und eine Fuß-Boden-Reaktion aufzubauen, die ihr eine Orientierung für die Aufrichtung geben konnte.“ Um der Kompensationsstrategie ihrer Patientin entgegenzuwirken, wählte Heidi Sinz zunächst die Rückenlage: Kompensation ist hier nicht nötig, und Andrea Szabadi Heine konnte sich in dieser Position ganz darauf konzentrieren, gezielt einzelne Muskeln oder einen Fuß zu bewegen. Im Verlauf der Therapie verbesserte sich die Funktion der Füße langsam, aber kontinuierlich. Ab einem bestimmten Punkt jedoch hatte die Therapeutin das Gefühl, gegen die Übermacht von Andreas Händen nicht weiter voranzukommen.

„Ich wusste, ich musste ihre Hände stoppen, damit ihre Beine eine Chance hatten“, sagt Heidi Sinz. Die Lösung war eine freiwillige „Fesselung“: Die Arme wurden am Körper fixiert, so dass die Patientin etwa Gewichtsverlagerungen im Sitzen oder im gestützten Stand mit ihren Beinen bewältigen musste. Für Andrea bedeutete dies eine extrem belastende aber auch heilsame Erfahrung. „Jedes Mal kämpfte ich und schwitzte aus allen Poren - und genoss es anschließend, wieder etwas mehr Beine zu haben“, sagt sie.

Heute ist Andrea Szabadi Heine so mobil, dass sie etwa eine Kaffeetasse ohne ihre Gehstützen sicher transportieren kann. Auf der anderen Seite ist sie aber auch ihrem armbetonten Sport treu geblieben: Beim Monowasserskifahren zählt sie inzwischen zur Weltelite.

A. Szabadi Heine, H. Sinz:

Die Übermacht der Hände.

physiopraxis 2010; 8 (11-12): S. 24-28

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