Gesetz ohne Wirkung: Sexuelle Übergriffe in der Therapie

fzm – Unter Strafe ist es Psychotherapeuten verboten, mit ihren Patienten sexuelle Kontakte zu unterhalten. So steht es im Strafgesetzbuch – seit etwa zehn Jahren. Eine soeben publizierte Studie belegt nun: Dieses Gesetz ist wirkungslos geblieben. Noch immer gibt es zu viele sexuell "übergriffige" Therapeuten – und noch immer wird ihr kriminelles Verhalten kaum geahndet. "Trotz veränderter Gesetzeslage werden Therapeuten heute in Deutschland nicht häufiger zur Rechenschaft gezogen als vor zehn Jahren", schreiben die Verfasser der Studie in der Fachzeitschrift "PPmP – Psychotherapie Psychosomatik Medizinische Psychologie" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009).

"In der vorliegenden Untersuchung", so die Forschergruppe um die Psychologin Dr. Christiane Eichenberg von der Universität zu Köln, "gaben über zwei Drittel der befragten Betroffenen an, nie über rechtliche Schritte nachgedacht zu haben." Und auch jene, die eine Anzeige zumindest gedanklich durchspielten, entschieden sich mehrheitlich dagegen. Die Gründe nach Ansicht der Wissenschaftler: "Angst vor den Konsequenzen eines Verfahrens, die Überzeugung, dass ihnen nicht geglaubt werden würde sowie die Annahme, an dem missbräuchlichen Geschehen mitschuldig zu sein."

Dass es Psychotherapeuten schwer fällt, die Grenze zwischen Beruflichem und Privatem zu ziehen, ist durch eine Vielzahl von Studien belegt. Die Wissenschaftler weisen in ihrer aktuellen Schrift darauf hin, dass jeder zehnte männliche Therapeut in Befragungen zugibt, schon einmal mit einer Patientin intim gewesen zu sein. Es handelt sich folglich keineswegs um "seltene Einzelfälle", so die Autoren der Studie. Erstaunlicherweise sind es keine Berufsanfänger, die professionelle Standards verletzen, sondern gestandene Ärzte und Psychologen.

Wie die Studie von Eichenberg und ihren Kollegen dokumentiert, weisen drei von vier Missbrauchsopfern mittelschwere bis schwere Traumatisierungen auf. Typische Symptome: Emotionaler Rückzug, Misstrauen und Angst. "60 Prozent der Befragten gaben an, dass sich nach dem sexuellen Kontakt zu ihrem Therapeuten jene Beschwerden verstärkten, unter denen sie schon zu Beginn der Therapie gelitten hatten", schreibt Eichenberg. Bei 66 Prozent der Betroffenen kamen neue gravierende Beschwerden hinzu.

Das klinische Bild von Therapiegeschädigten ist kompliziert – es ähnelt in etwa dem von Vergewaltigungs- und Inzestopfern. "Gut die Hälfte der betroffenen Patienten hatte aufgrund der sexuellen Kontakte zu ihrem Therapeuten das Bedürfnis nach einer weiteren Psychotherapie, um die massiven Folgen zu verarbeiten", so Eichenberg.

In ihrer Studie weisen Eichenberg und Kollegen auf zwei bisher wenig erforschte Aspekte hin: Zum einen steigt die Zahl der weiblichen Therapeuten, die sich an männlichen Patienten vergehen. Die einfache Zuordnung "Mann=Täter" und "Frau=Opfer" gilt nicht mehr vorbehaltlos – auch wenn es geschädigten Männern schwer fällt, sich überhaupt als Opfer zu sehen. Zum andern zeichnen die sexuell ausgebeuteten Patientinnen kein ausschließlich negatives Charakterprofil ihrer "übergriffigen" Therapeuten. Im Gegenteil: Häufig werden die Therapeuten als intelligent und charmant beschrieben. Das aber sei nicht verwunderlich, so die Wissenschaftler, schließlich würden die Therapeuten eine sehr widersprüchliche Persönlichkeit aufweisen.

C. Eichenberg et al.:
Sexuelle Übergriffe in therapeutischen Beziehungen: Risikofaktoren, Folgen und rechtliche Schritte.
PPmP – Psychotherapie Psychosomatik Medizinische Psychologie 2009, 59 (9/10):
S. 337-344

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