Berliner Kliniken Charité und Vivantes vor dem Kollaps

Stuttgart, Juli 2010 – Berlin fehlt ein Konzept für eine funktionierende Krankenhauslandschaft. Denn hier existieren seit der Wiedervereinigung zwei Klinikkonzerne nebeneinander: Universitätsklinikum Charité Berlin und der städtische Krankenhausverbund Vivantes. Dies führt zu doppelten Strukturen und Konkurrenz – um öffentliche Mittel und Patienten. Gleichzeitig fehlt es beiden Kliniken an einer gesunden finanziellen Basis. Der Berliner Senat legt bisher kein Konzept für eine Neugestaltung vor. Ein Beitrag in der aktuellen Ausgabe des Gesundheitswirtschaftsmagazins „kma” (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2010) schildert die Situation.

Mit ihren 26 000 Mitarbeitern sind Charité und Vivantes die größten Arbeitgeber der Hauptstadt: Allein die Charité verfügt über drei chirurgische, drei internistische Abteilungen und drei Verwaltungen; zudem muss in teure Hochleistungsmedizin investiert werden. Vivantes verfügt über neun Krankenhäuser mit mehr als 5000 Betten. Seit Jahren wird deshalb über eine Kooperation der beiden Klinikkonzerne debattiert. Anstelle eines grundlegenden Umbaus, beschloss der Berliner Senat laut kma-Beitrag jedoch bisher nur kurz- bis mittelfristige Finanzplanungen.

Jüngstes Beispiel ist ein Senatsbeschluss, demzufolge das Universitätsklinikum Charité eine Finanzspritze in Höhe von 330 Millionen Euro erhält. Davon sollen alle Klinikstandorte erhalten bleiben. Im Gegenzug muss die Charité 500 Betten streichen. Außerdem wurde eine Zusammenarbeit im Laborbereich vereinbart. „Wir verschieben Probleme in die Zukunft, und dadurch potenzieren sie sich“, kommentiert Marion Haaß, Geschäftsführerin bei der Industrie und Handelskammer zu Berlin (IHK).

Im Mai dieses Jahres hatten IHK und Handwerkskammer einen Vorschlag zur Umgestaltung präsentiert. Danach sollen Charité und Vivantes zu einer Holding fusionieren. Dies soll eine abgestimmte Zusammenarbeit ermöglichen, Konkurrenz und Parallelstrukturen abbauen und Kosten einsparen. Weitere Vorschläge für den strukturellen Umbau liegen vor, unter anderem von Vivantes-Chef Joachim Bovelet.

Die Charité ist seit Jahren verschuldet, im Jahr 2009 hatte sie ein Defizit von 19 Millionen Euro. Investitionen in die Infrastruktur tilgen vollständig den Erlös. Auch Vivantes wäre schon insolvent, hätte der Senat der Gesellschaft nicht Schulden in Höhe von 230 Millionen Euro erlassen. Schätzungen zufolge wird sich bis zum Jahr 2015 für die 13 Krankenhausstandorte von Charité und Vivantes ein Investitionsstau von mehr als einer Milliarde Euro angesammelt haben. Das Land Berlin wird diese Investition in Anbetracht der angespannten Haushaltssituation nicht stemmen können. Berlin ist mit mehr als 60 Milliarden Euro das am zweitstärksten verschuldete Bundesland und muss 2011 Steuerausfälle in Höhe von rund 160 Millionen Euro verkraften.

J. Ehrhardt, A. Zehnder:
Berliner Krankenhauslandschaft: Marter ohne Ende.
kma - Das Gesundheitswirtschaftsmagazin 2010; 15 (5):
S. 16-26

FZMedNews Bestellen Sie hier!