Zu alt für die Reha? Auch hochbetagte Krebspatienten brauchen Anschlussheilbehandlung

Stuttgart, Februar 2009 – Die Hälfte aller Krebskranken sind über 70 Jahre alt. Ihnen wird die nach der Klinikbehandlung übliche Anschlussheilbehandlung häufig vorenthalten, beklagen eine Sozialmedizinerin und ein Arzt in der Rehabilitationsklinik in der Fachzeitschrift "DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009). Ihre Studie zeigt: Auch hochbetagte Krebspatienten brauchen eine Rehabilitation, die ihnen hilft, verloren gegangene Lebensqualitäten zurückzugewinnen.

Viele Reha-Kliniken haben sich auf Krebskranke spezialisiert. In einem mehrwöchigen Aufenthalt können sich die Patienten von Operation, Chemotherapie oder Bestrahlung erholen und neue Kräfte für das weitere Leben sammeln. Dafür bieten die Einrichtungen neben den allgemeinen Rehamaßnahmen wie Sport, Krankengymnastik oder Ergotherapie auch spezielle Programme für Krebskranke an. Darmkrebspatienten erlernen beispielsweise den Umgang mit dem künstlichen Darmausgang, Magenoperierte erfahren, welche Ernährungsregeln sie beachten müssen.

Immer wieder machen die Reha-Kliniken jedoch die Erfahrung, dass ältere Krebspatienten relativ selten zu ihnen kommen. Bei vielen verantwortlichen Akteuren im Gesundheitswesen seien prinzipielle Zweifel an Bedarf und Nutzen von Reha-Maßnahmen verbreitet, berichten Dr. Susanne Singer von der Universität Leipzig und Dr. Thomas Schulte von der Rehabilitationsklinik Bad Oexen. Sie untersuchten deshalb die Bedürfnisse und die Auswirkungen der Reha-Behandlung an hoch-betagten Menschen.

Fast 400 Patienten der Rehaklinik Bad Oexen füllten zu Beginn ihres Aufenthaltes einen Fragebogen zur Lebensqualität aus, den die Europäische Organisation für die Erforschung und Behandlung von Krebserkrankungen (EORTC) entworfen hat. Alle Studienteilnehmer waren 70 Jahre oder älter. Die Antworten zeigten, dass auch diese hochbetagten Patienten eine Reha benötigen. Viele litten unter Abgeschlagenheit, Appetitmangel, Verstopfung oder Durchfall. Andere waren körperlich geschwächt und emotional angeschlagen. Auch Probleme im Sozialleben waren häufig. Vielen fiel es schwer, in ihr früheres Leben zurückzufinden. Insgesamt war die Lebensqualität deutlich niedriger als bei gesunden Menschen gleichen Alters, berichten die Autoren. Besonders schwer hatten es Patienten, die eine Krebserkrankung an Magen, Darm oder Blase überlebt hatten. Außerdem steigt der Reha-Bedarf mit dem Alter an. Am schlechtesten war die Lebensqualität bei den Über-80-Jährigen.

Dr. Singer und Dr. Schulte vermuten, dass die Situation noch schlechter ist, als die Antworten im Fragebogen vermuten lassen. Bei einigen Menschen bewirkt die Krebserkrankung nämlich, dass sie sich auf früher vernachlässigte Aspekte des Lebens neu besinnen. In einer dänischen Studie gaben Frauen mit Brustkrebserkrankungen sogar eine höhere Lebensqualität an als Gesunde. Zufriedenheitsparadox nennen das die Forscher. Auch in der Studie der Autoren schienen Frauen mit Brustkrebs weniger belastet als andere Patienten.

Die Studie zeigt außerdem, dass die Rehabehandlung den Patienten helfen kann, wieder an ihr früheres Leben anzuknüpfen. Als die Teilnehmer der Studie den Fragebogen vier Monate später ein zweites Mal ausfüllten, hatte sich die Lebensqualität in 13 von 18 Bereichen gebessert. Da allen Patienten eine Reha zusteht, war eine echte Vergleichsstudie, in der ein Teil der Patienten keine Reha erhalten würde, nicht möglich. Die Studie kann deshalb streng genommen nicht ausschließen, dass sich die Patienten auch ohne Reha genauso gut von den Strapazen der Krebstherapie erholt hätten. Die schnelle Verbesserung der Lebensqualität spreche jedoch gegen diese Möglichkeit, finden Dr. Singer und Dr. Schulte.

S. Singer, T. Schulte:
Lebensqualität von älteren Tumorpatienten.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2009; 134 (4): S. 121-126

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