Bewegung hilft gegen Depression

Stuttgart, Februar 2009 – Sport tut gut – das ist mittlerweile eine Binsenweisheit. Ob Übergewicht, Herzinfarkt oder Diabetes, gegen all diese Krankheiten des Körpers hilft Bewegung. Die Frage jedoch, ob Sport auch bei psychischen Störungen heilsam ist, konnten Forscher bislang nicht eindeutig beantworten. In der jüngsten Ausgabe der Fachzeitschrift "Psychotherapie im Dialog" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2008) zieht der Sportwissenschaftler Professor Dr. Gerhard Huber von der Universität Heidelberg nun ein verhalten optimistisches Fazit: Kombiniert mit Psychotherapie sei Sport ein wirksames Heilmittel – zumindest bei Menschen, die unter Depressionen leiden.

Vor beinah 25 Jahren lieferten norwegische Psychiater den vermeintlichen Beweis für die heilsame Wirkung des Sports. Sie ließen depressive Menschen dreimal in der Woche eine Stunde lange joggen. Der Gesundheitszustand der Patienten verbesserte sich daraufhin. Doch so oft diese Studie in der Folgezeit auch zitiert wurde, sie war methodisch nicht einwandfrei. Im Jahr 1999 legten Forscher dann eine weniger anfechtbare Untersuchung vor. Sie verabreichten einer Gruppe von Patienten ein Antidepressivum, einer anderen verordneten sie ein Ausdauertraining. Eine dritte Gruppe bekam beides verschrieben, Pillen und Sport.

"Zwar kam es in der Medikamentengruppe zu einem etwas schnelleren Ansprechen auf die Behandlung", so Huber, "entscheidend bleibt aber, dass nach 16 Wochen ein reines körperliches Training ohne die gleichzeitige Gabe von Medikamenten genauso wirksam war wie eine dem Standard gemäße durchgeführte psychopharmakologische Behandlung." Erstaunlicherweise war die Rückfallquote der Sport-Gruppe geringer als die der Medikamenten-Gruppe.

Heutzutage scheint klar zu sein: Sport hilft gegen viele Spielarten von Depression – vor allem auf lange Sicht. Umgekehrt entwickeln nämlich Langstreckenläufer, die von heute auf morgen keinen Sport mehr treiben, krankheitsähnliche Symptome, wie depressive Verstimmungen, Reizbarkeit und innere Unruhe. Die biochemischen Gründe jedoch, weshalb Sport gegen Depression hilft, sind nach wie vor ungeklärt. Bekannt ist bisher lediglich: Bewegung verringert den Sympathikotonus, wodurch sich das vegetative Nervensystem "entspannt". Auch beeinflusst Sport die körpereigene Ausschüttung von Opiaten und die Produktion von Kortisol.

Neuere Studien zeigen, dass insbesondere altersdepressive Menschen von bewegungstherapeutischen Angeboten profitieren. Trotz dieser positiven Befunde ist es unsinnig, Depression ausschließlich durch ein Mehr an Bewegung bekämpfen zu wollen. Ohne eine begleitende Therapie, so Huber, erweise sich Sport als wenig wirksam. Einer der Hauptgründe: Psychisch Kranken kann man nicht einfach sagen, sie sollten ihr Leben ändern; um das zu erreichen, muss man sie motivieren und therapeutisch begleiten.

Anders als bei Depression wird der Nutzen von Bewegung und Sport bei anderen psychischen Störungen – wie etwa der Schizophrenie – weit kritischer beurteilt. Überzeugende Wirkungsnachweise fehlen hier bislang, die Zahl hochwertiger Studien ist gering, wie Huber beklagt. Bei Angststörungen oder posttraumatischen Belastungsstörungen ist die Befundlage gleichfalls wenig aussagekräftig. Nach wie vor mangele es an Längsschnittstudien, in denen die Wirkung sportlicher Aktivitäten auf einzelne psychiatrische Störungsbilder genauer untersucht werde. Das liegt nach Ansicht von Huber nicht zuletzt an einer stark pharmakologisch orientierten psychiatrischen Versorgung.

Das Hautproblem der verschiedenen sporttherapeutischen Ansätze besteht darin, dass es nicht leicht ist, Patienten für ein regelmäßiges Training zu motivieren. Selbst wenn es gelänge, so Huber, die körperliche Aktivität von Patienten im Zuge einer Psychotherapie zu steigern, sei damit noch nicht sichergestellt, dass dieses gesundheitsförderliche Verhalten dauerhaft beibehalten werde. Trotz dieser Schwierigkeiten plädiert Huber in seiner Überblicksstudie dafür, Psychotherapie und Bewegungstherapie stärker miteinander zu verbinden. Denkbar sei etwa, dass niedergelassene Psychotherapeuten enger als bisher mit Fitnesscentern oder Sportvereinen kooperierten.

G. Huber et al.:
Bewegung und seelische Gesundheit.
PiD Psychotherapie im Dialog 2008; 9 (4):
S. 357-364.

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