Konzentrationsfördernde Bewegungsübungen bei Demenz

fzm, Stuttgart, Dezember 2015 – Aktivierende Bewegung kann die Konzentration und die Alltagskompetenz bei Demenzpatienten spürbar verbessern. Das haben Studenten der Fachhochschule für Gesundheit in Gera herausgefunden, die zur Stiftung Rehabilitation Heidelberg (SRH) gehört. Sie entwickelten ein 20-minütiges Bewegungsprogramm für Patienten mit einer leichten bis mittleren Demenz und erprobten die Wirksamkeit im Rahmen einer Studie. Nach einem Übungszeitraum von vier Monaten konnten sich die Teilnehmer besser konzentrieren und zeigten eine höhere Alltagskompetenz als die Nichtteilnehmer der Kontrollgruppe. Die Fachzeitschrift „physiopraxis“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2015) stellt die Übungen vor und erklärt die positive Wirkung auf die kognitiven Fähigkeiten der Patienten.

Die Übungen basieren auf dem Brain-Gym-Konzept, das der Sonderpädagoge Dr. Paul Dennison bereits in den 1980er-Jahren entwickelte. Es umfasst eine Reihe einfacher Übungen, die ursprünglich für alle Altersstufen konzipiert wurden, um Lern- und Konzentrationsfähigkeit im Allgemeinen zu verbessern. Aus dem gesamten Übungskatalog wählten angehende Medizinpädagogen der Fachhochschule acht geeignete Übungen aus. Diese ergänzten sie mit eigenen Abbildungen und Symbolen, um die Anleitung der Patienten für die Pflegekräfte zu erleichtern. Darüber hinaus bezogen sie Alltagsgegenstände in die Bewegungsabläufe mit ein. Die Übungsteilnehmer werden beispielsweise beim Überkreuzgreifen dazu aufgefordert sich nach einer Tasse oder einem Kuscheltier zu strecken.

„Die Übungen aktivieren das zentrale Nervensystem und wirken sich bei regelmäßiger Anwendung auf die Verknüpfung der am Gedächtnis beteiligten Hirnareale aus. Darüber hinaus fördern sie die geistige und körperliche Aktivität, ohne die Patienten dabei psychisch oder physisch zu überfordern“, erklärt die Leiterin des Forschungsprojektes „Brain-Gym bei Demenz“, Professor Ulrike Morgenstern. Die Patienten zeichnen zum Beispiel im Sitzen mit dem Arm oder Fuß eine liegende Acht in der Luft und folgen den Bewegungen mit den Augen.

Um die Wirksamkeit ihrer Übungen zu überprüfen, teilten die Studenten 36 Patienten mit leichter und mittlerer Demenz in zwei Gruppen ein. 22 Probanden absolvierten unter Anleitung täglich ein 20-minütiges Bewegungsprogramm; immer in der gleichen Reihenfolge und Intensität. Als Kontrollgruppe dienten weitere 14 Demenzpatienten, die nicht an dem Programm teilnahmen.

Nach vier Monaten verglichen die Studienautoren die beiden Gruppen. Als „Mess-Instrumente“ setzten sie den Alters-Konzentrations-Test (AKS) nach Gatterer ein sowie einen Fragebogen für Angehörige und Pflegekräfte, um die Alltagskompetenz vor und nach dem Übungszeitraum abzufragen. Dabei zeichnete sich ein positives Ergebnis für die Teilnehmer des Bewegungsprogramms ab. Die Probanden der Kontrollgruppe schnitten innerhalb der vier Monate beim Konzentrationstest zunehmend schlechter ab, während die Teilnehmer die Aufgaben nun schneller und besser lösen konnten. Laut den befragten Pflegenden verbesserte sich auch ihre Alltagskompetenz.

„Die bessere Konzentrationsfähigkeit führen wir auf eine verbesserte Blutversorgung des Gehirns durch die körperliche Aktivität zurück“, so Professor Morgenstern. Dass sie den Test in kürzerer Zeit und mit weniger Fehlern lösen konnten, erklären die Studienautoren mit der funktionellen Neuroplastizität des Gehirns. Das heißt, die Übungen wirken sich auf die Aktivität von Synapsen und Nervenzellen aus und aktivieren so bestimmte Hirnareale.

„Für die Praxis wäre es ideal, wenn Einrichtungen die Übungen mehrfach in den üblichen Tagesablauf integrieren würden“, fasst Professor Morgenstern zusammen. Das beeinflusst am Ende nicht nur die kognitiven Fähigkeiten der Betroffenen positiv, sondern reduziert auch ihre motorische Unruhe – ganz ohne beruhigende Medikamente.

U. Morgenstern und S. Koch:
Von Eulen und Denkmützen
physiopraxis 2015; 13 (11/12); S.54-57