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    Positive Bindungserfahrungen helfen uns, Stress besser zu bewältigen. © Africa Studio – Fotolia.com

     

Starke Bindungen stärken auch den Körper

fzm, Stuttgart, November 2016 – Bindungsmuster prägen lebenslang unseren Umgang mit Angst. Sehen wir uns durch eine Erkrankung bedroht, gehen wir je nach Bindungstyp unterschiedlich damit um. Welches Modell zwischenmenschlicher Beziehungen wir entwickelt haben, hängt von den Bindungserfahrungen ab, die wir in unserer Kindheit gemacht haben. „Vereinfacht lässt sich sagen: Sichere Bindung ist ein Resilienzfaktor“, so die Privatdozentin Dr. rer. medic. Claudia Subic-Wrana. In der Fachzeitschrift "PiD Psychotherapie im Dialog" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2016) zeigt sie auf, wie verinnerlichte Bindungsmuster die Krankheitsbewältigung beeinflussen und welche Rolle sie schon bei der Entstehung bestimmter Krankheiten spielen können.

Gerade gegenüber stressbedingten Erkrankungen sind Menschen, die in ihrer Kindheit sichere Bindungen erlebt haben, offenbar wesentlich weniger anfällig als Menschen, die nur unsichere Bindungen erfahren oder Verluste nicht verarbeitet haben. Sie suchen gezielt die Unterstützung von Bezugspersonen und profitieren davon, sie in ihrer Nähe zu wissen. Wie psychophysiologische Experimente zeigen, helfen ihnen vertraute Menschen dabei, mit Stresssituationen besser zurechtzukommen: Die Ausschüttung des Stresshormons Cortisol im Blut war geringer, wenn eine Bezugsperson anwesend war, wodurch auch der Blutdruck weniger stark anstieg. „Soziale Unterstützung hat eine wichtige regulierende Funktion und erleichtert die Stressbewältigung“, sagt die Psychoanalytikerin. Unsicher oder vermeidend gebundene Personen können Angst und Ärger schlechter verarbeiten als sicher gebundene Menschen. Auffallend sei zudem, dass sie die Unterstützung durch ihre Bindungspartner weniger suchten und sie auch weniger positiv empfanden. Diese Beobachtung korreliert mit physiologisch messbaren Befunden aus anderen Studien. So verweist Subic-Wrana unter anderem auf ein Experiment mit Kleinkindern, die in einer unbekannten Umgebung kurz von ihrer Mutter getrennt wurden. Alle Kinder reagierten darauf mit einer Erhöhung der Herzschlagrate. Diese normalisierte sich bei sicher gebundenen Kindern rasch wieder, sobald die Mutter zurückkam. Bei unsicher gebundenen Kindern hingegen dauerte diese Erholung wesentlich länger.

Bisherige Untersuchungen zum Thema legen nahe, dass Menschen mit einem unsicheren Bindungsmuster insgesamt höhere Stresspegel aufweisen und diese Anspannung weniger gut kompensieren können. Sie greifen eher zu externen Mitteln der Stressbewältigung – wie etwa Alkohol, Zigaretten oder anderen Drogen. „Unsichere oder traumatische Bindungserfahrungen schränken die Fähigkeit zur Emotionsregulation ein“, erläutert Subic-Wrana. Die Auseinandersetzung mit negativen Gefühlen falle dann schwer, Suchtverhalten werde begünstigt.

Der Umgang mit Belastung und negativen Gefühlen spielt auch bei der Verarbeitung von Krankheiten eine große Rolle. Auch hier erweisen sich sichere Bindungen offenbar als schützend. „Zwar gibt es hierzu noch wenige Studien“, sagt Subic-Wrana. „Bisherige Befunde sprechen aber für die ‚heilende‘ Kraft einer sicheren Bindung.“ Den Patienten falle es leichter, Unterstützung durch Angehörige und das Behandlungsteam anzunehmen, sie entwickelten weniger Ängste und psychische Folgeerkrankungen. Selbst bei starken Einschränkungen durch eine schwere Krebserkrankung waren sicher Gebundene weniger depressiv als Patienten mit unsicheren Bindungsmustern.

Wie Subic-Wrana betont, sind die von frühkindlichen Erfahrungen herrührenden Bindungsmuster größtenteils unbewusst abgespeichert. Für den Betroffenen selbst könne es daher schwer sein, die verinnerlichten Strategien zur Krankheits- und Stressbewältigung bewusst zu verändern. Psychotherapeutische Hilfe im Rahmen der Krankheitsverarbeitung sollte daher immer auch die Bindungsmuster der Patienten thematisieren.

C. Subic-Wrana:
Sicherheit heilt – Bindungsaspekte körperlicher Krankheit
PiD Psychotherapie im Dialog 2016, 17 (3); S. 91–93