Blutdrucksenkung durch elektrische Impulse

fzm – Wenn Medikamente den Blutdruck nicht mehr ausreichend senken, kann künftig möglicherweise ein kleines Gerät helfen, das ebenso wie ein Herzschrittmacher unter den Brustmuskel eingepflanzt wird. Es gibt elektrische Impulse an die körpereigenen Messfühler für den Blutdruck ab, woraufhin der Blutdruck sinkt. An mehreren Kliniken in Deutschland haben bereits Patienten ein solches Gerät zur so genannten "Baroreflexstimulation" erhalten, berichten Experten in der Fachzeitschrift "DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009).

Körpereigene Messfühler für den Blutdruck befinden sich an einer Gabelung der Halsschlagader, im sogenannten Karotissinus. Die Sensoren dort sind über Nerven mit dem Gehirn verbunden, dem sie jederzeit Informationen über den aktuellen Blutdruck mitteilen. Das Gehirn kann dann, beispielsweise durch eine Senkung der Herzschlagfrequenz oder eine Erweiterung der Blutgefäße den Blutdruck regulieren. Die gleiche Wirkung wird erzielt, wenn dem Gehirn durch eine Manipulation am Messfühler ein zu hoher Blutdruck signalisiert wird. Dies ist durch Massage des Karotissinus möglich - oder durch gezielte elektrische Impulse. Es kommt dann zu einer Sollwertverstellung, vergleichbar mit einem Thermostaten, der an der Heizung die Temperatur reguliert. Die Zusammenhänge sind seit über 50 Jahren bekannt, erläutert Dr. Siegfried Eckert vom Herz- und Diabeteszentrum in Bad Oeynhausen. Doch erst vor wenigen Jahren wurde ein Gerät entwickelt, das klein genug ist, um wie ein Herzschrittmacher unter einem Brustmuskel implantiert werden zu können.

Neben dem Steuergerät befestigen die Chirurgen an der Gabelung der beiden Halsschlagadern jeweils eine dreifingrige Elektrode. Sie gibt die elektrischen Impulse ab, die das Steuergerät erzeugt. Verbunden sind sie durch zwei Drähte, die unterhalb der Haut verlaufen.

Ob der Baroreflexstimulator langfristig den Blutdruck senkt, wird seit März 2004 in einer klinischen Studie in sechs europäischen Ländern untersucht. Die Leitung hat das Zentrum in Bad Oeynhausen. Auch die Universitätskliniken in Berlin, Essen und Hannover beteiligen sich an der Studie. Vorläufigen Auswertungen zufolge konnte der Blutdruck bei jedem zweiten Patienten deutlich gesenkt werden, jeder dritte hat seit nunmehr drei Jahren einen normalen Blutdruck, was die Ärzte zuvor mit Medikamenten über Jahre vergeblich versucht hatten.

Derzeit werden in mehreren Studien die Sicherheit und die langfristige Wirksamkeit der Baroreflexstimulation geprüft. Eine Studie soll die Zulassung in den USA vorbereiten. Erst danach wird der Baroreflexstimulator außerhalb von Studien verfügbar sein. Er käme für Patienten infrage, bei denen der Blutdruck trotz der Einnahme von mehreren Medikamenten zu hoch ist und deshalb mittelfristig Folgekrankheiten wie Herzinfarkt oder Schlaganfall drohen.

Die derzeitigen Geräte sind laut Dr. Eckert noch entwicklungsfähig. Die Operationsdauer sei mit zwei bis drei Stunden noch recht lang. Vor allem die dreifingrigen Elektroden um den Karotissinus anzubringen sei sehr zeitaufwändig. Außerdem hinterlässt die Operation zwei Narben am Hals. Dr. Eckert hofft zudem auf eine Verkleinerung der Steuergeräte und eine längere Haltbarkeit der Batterie. Diese muss derzeit nach circa 19 Monaten gewechselt werden.

Für die Zukunft wünschen sich die Experten Geräte, die ständig den Blutdruck messen und dann durch eine gezielte Stimulierung den gewünschten Blutdruckwert einstellen. Das ist derzeit technisch noch nicht möglich. Vorstellbar sei jedoch eine Elektronik, welche die Blutdruckhöhe den natürlichen Tages- und Nachtschwankungen anpasst, die bei Hochdruckpatienten oft verloren gegangen ist.

S. Eckert et al.:
Baroreflexstimulation bei therapierefraktärer arterieller Hypertonie.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2009; 134 (45): S. 2278-2282

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