Blutersatz: Schwierige Suche nach Alternativen für den Sauerstofftransport

Stuttgart, April 2010 – Blut ist bekanntlich ein wertvolles Gut, und für den roten Blutfarbstoff Hämoglobin, der den lebenswichtigen Sauerstoff transportiert, haben Forscher noch keinen vollwertigen Ersatz gefunden. Doch verschiedene Hersteller arbeiten an Produkten, die bei Operationen oder nach schweren Blutverlusten als Sauerstofftransporter eingesetzt werden könnten. In der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2010) informieren Experten über den gegenwärtigen Stand der Forschung.

Hämoglobin ist eigentlich kein seltener Rohstoff. Es kann aus menschlichen Blutkonserven, aus tierischem Blut von Schweinen und Rindern gewonnen oder sogar gentechnisch hergestellt werden, erläutern Michael Schöler vom Universitätsklinikum Mannheim und seine Kollegen. Im Blut ist Hämoglobin in den roten Blutkörperchen, den Erythrozyten, verpackt. Hämoglobin kann den Sauerstoff auch ohne diese schützende Hülle transportieren. Der Einsatz ist aber problematisch. Neben Immunreaktionen gegen das fremde Eiweiß sind zudem Nierenschäden möglich, berichtet der Anästhesist. Auch die Sauerstoffabgabe im Gewebe ist schwierig, zumal Hämoglobin die Fließgeschwindigkeit des Blutes verändert und darüber hinaus eine Verengung der Blutgefäße auslöst. Ein Bluthochdruck oder Durchblutungsstörungen können die Folge sein.

Doch die Schwierigkeiten scheinen nicht unüberwindlich zu sein. In der Tiermedizin wurde mit “Oxyglobin” ein erstes Kunstblut aus dem Hämoglobin von Rindern eingeführt. Es wird bei Hunden angewendet. Und in Südafrika war mit “Hemopure” zwischenzeitlich sogar ein Blutersatz für den Menschen zugelassen. Er wurde allerdings selten eingesetzt und später wieder vom Markt genommen. Der Hersteller hat die Zulassung für die USA, Kanada und Europa beantragt, berichtet Michael Schöler, doch die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) hat weitere Studien gefordert und kürzlich eine Studie vorzeitig abgebrochen. Die Autoren bewerten dies als einen eindeutigen Rückschlag. Jetzt bleibe abzuwarten, was die laufenden Studien ergeben, die in Großbritannien, Griechenland, Südafrika und den Niederlanden durchgeführt werden.

Hämoglobin ist nicht die einzige Substanz, die Sauerstoff im Blut transportieren kann. Dazu sind auch einige Chemikalien in der Lage, die Ärzte bereits seit einigen Jahren in der Medizin eingesetzen. Es handelt sich um sogenannte Perfluorkarbon-Emulsionen. Sie bilden mikroskopische Lufteinschlüsse im Blut. Das verstärkt bei Ultraschalluntersuchungen den Kontrast und verbessert damit die Darstellung der Blutbewegungen. In der Notfallmedizin könnten die Bläschen gezielt mit Sauerstoff angereichert werden, um den Patienten das Leben zu retten. Die Patienten müssen dazu allerdings beatmet werden, so Michael Schöler. Ob Perfluorkarbon-Emulsionen als Blutersatz taugen, sei unklar. Bis heute wartet das am weitesten erprobte amerikanische Produkt auf seine Zulassung, berichtet der Experte. Die klinische Erprobung sei großteils eingestellt worden.

Trotz dieser Probleme erwarten Michael Schöler und seine Kollegen, dass die Entwicklung künstlicher Blutersatzstoffe weiter vorangetrieben wird. Die Zahl der Einsatzgebiete sei groß. Neben dem Ersatz von großen Blutverlusten bei Operation und Unfällen, könnten sie auch bei Bluterkrankungen wie der Sichelzell-Anämie nützlich sein, als Ersatz für die häufigen Bluttransfusionen. Auch für Menschen, die Bluttransfusionen aus weltanschaulichen Gründen ablehnen, etwa die Zeugen Jehovas, könnten sie eine akzeptable Lösung sein, hofft Michael Schöler.

M. Schöler et al.:
Gibt es eine Zukunft für künstliche Blutersatzstoffe?
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2010; 135 (12):
S. 575-581

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