Bluthochdruck: Behandlungsfehler im Pflegeheim

Stuttgart, Dezember 2010 – Die meisten Pflegeheimbewohner, die einen erhöhten Blutdruck haben, werden mit Medikamenten behandelt. Nicht selten werden ihnen jedoch ungünstige Mittel oder sogar gefährliche Kombinationen verschrieben, wie eine Studie in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2010) nun ermittelt hat.

Lange Zeit war es umstritten, ob die Behandlung des Bluthochdrucks bei hochbetagten Menschen noch sinnvoll ist, schreibt Marita Kölzsch vom Institut für Klinische Pharmakologie und Toxikologie an der Berliner Charité. Inzwischen gelte es aber als erwiesen, dass die Senkung des Blutdrucks auch über 80-Jährige noch vor Schlaganfall und anderen Herzkreislauferkrankungen schützen kann. Um zu prüfen, ob die überwiegend hochbetagten Bewohner von Pflegeheimen ausreichend mit Medikamenten versorgt werden, hat die Forscherin mit einem Team die Verordnungen von über 8500 Versicherten einer Krankenkasse ausgewertet.

Ihr Ergebnis: Den meisten Bewohnern im Alter von 65 bis 106 Jahren, bei denen eine Hochdruckerkrankung bekannt war, wurden Medikamente verschrieben. Unter den durchschnittlich sechs Medikamenten, die die Bewohner einnahmen, befanden sich häufig auch ein oder mehrere sogenannte Antihypertensiva. Insgesamt 17 Prozent aller Medikamente entfielen auf diese Medikamente gegen Bluthochdruck und stellten damit den größten Anteil.

Bei einem Sechstel aller Bewohner wurden die Medikamente sogar verordnet, ohne dass Frau Kölzsch und ihre Kollegen in ihrer Analyse dafür einen nachvollziehbaren Grund fanden. Bedenklich sei auch, dass häufig Wirkstoffe verordnet wurden, die für alte Menschen nur begrenzt geeignet sind. Dazu zählen harntreibende Mittel, die sogenannten Diuretika. Bei Menschen mit einer Herz- oder Nierenschwäche könne dies zwar sinnvoll sein, schreibt die Forscherin. Die Diuretika helfen, die krankheitsbedingten Wassereinlagerungen auszuschwemmen. Die Ärzte hatten den Patienten möglicherweise aus diesem Grund starke Mittel aus der Gruppe der Schleifendiuretika verordnet. Diese Wirkstoffe verursachen jedoch einen starken Harndrang. Bei Pflegeheimbewohnern, die unter Inkontinenz leiden oder in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt sind, erschwere dies die Pflege, gibt Frau Kölzsch zu bedenken.

Viele Hochdruckpatienten benötigen mehr als ein Antihypertensivum. Nicht alle Kombinationen sind sinnvoll. Experten raten grundsätzlich von der Verordnung zweier Mittel aus der gleichen Wirkstoffgruppe ab, da sich mit der Wirkung auch die Nebenwirkungen verstärken. Solche potenziell ungeeigneten Kombinationen ermittelte Frau Kölzsch bei 5,2 Prozent der behandelten Pflegeheimbewohner.

Die Expertin plädiert dafür, dass alle an der Versorgung der Pflegeheimbewohner Beteiligten enger zusammen arbeiten. Sie zählt dazu neben den Ärzten auch Apotheker, die häufig Pflegeheime mit Medikamenten direkt beliefern. Auch die Pflegenden sollten in die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Apothekern einbezogen werden. Frau Kölzsch rät zu Fallkonferenzen, in denen die Verordnungen einzelner Bewohner gezielt und kritisch überprüft werden könnten.

M. Kölzsch et al.:
Verordnung von Antihypertensiva bei geriatrischen Pflegeheimbewohnern in Deutschland.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2010; 135 (48):
S. 2400-2405

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