Bluttransfusionen nicht immer sinnvoll für Krebspatienten

fzm – Viele Krebspatienten leiden im Endstadium ihrer Erkrankung unter Blutarmut. Bluttransfusionen können die Beschwerden manchmal lindern, häufig sind sie aber nicht mehr sinnvoll. In der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2010) entwerfen Palliativmediziner Handlungsanleitungen und Kriterien, die Ärzten und betroffenen Patienten bei der schwierigen Entscheidung helfen sollen.

Chemo- oder Strahlentherapie, aber auch das Krebsleiden selbst können das Knochenmark schädigen. Die Bildung der roten Blutkörperchen, in der Fachsprache Erythrozyten genannt, ist dadurch gestört . Als Folge leiden die Patienten unter körperlicher Abgeschlagenheit und Schwäche, in schweren Fällen auch unter Beklemmungen und Luftnot. Auch Blutungen aus dem Tumor können schnell zur Blutarmut führen. Viele Patienten erhalten deshalb Erythrozyten-Konzentrate.

Die Krebserkrankung heilen kann der ständige Nachschub mit dem “Lebenssaft” nicht, wie Dr. Bernd Alt-Epping von der Abteilung Palliativmedizin an der Universitätsklinik Göttingen erläutert. In vielen Fällen würden jedoch die Beschwerden gelindert und die Lebensqualität verbessert. Dann ist die Gabe von Blutprodukten auch aus Sicht der Palliativmedizin vertretbar, wenn der Patient dies möchte. Dr. Alt-Epping spricht von einem Zweisäulenmodell: Der Arzt muss festlegen, dass die Gabe medizinisch angezeigt ist, und der Patient muss seine Einwilligung dazu geben.

Viele Menschen bekunden ihren Willen heute in einer Patientenverfügung. Die Vordrucke stellen Transfusionen oft auf die gleiche Stufe mit einer künstlichen Beatmung als eine zu vermeidende lebensverlängernde Maßnahme. Dr. Alt-Epping und seine Kollegen legen in der DMW an Beispielen dar, dass dies der Wirklichkeit nicht immer gerecht wird. Es gebe Situationen, in denen eine Bluttransfusion Krebspatienten über eine lebensgefährliche Krise hinweghelfe, so dass die Patienten bei guter Lebensqualität noch einige Zeit weiter leben können.

Es gibt zweifelsohne aber auch Situationen, in denen Bluttransfusionen nutzlos sind, beispielsweise wenn der Patient auch mit der Transfusion nur noch wenige Stunden zu leben hat. In anderen Fällen könne es sinnvoll sein, die Bluttransfusionen an den mutmaßlichen Bedarf des Patienten anzupassen und auf optimale Laborwerte zu verzichten. Die Entscheidung muss nach Ansicht von Dr. Alt-Epping und Mit-Autoren im Einzelfall erfolgen, wobei die Ärzte in einem Bewertungskontinuum zwischen einem medizinisch sinnvollen und nicht sinnvollen Handeln abwägen müssen. Das Team um Dr. Alt-Epping schlägt hierzu einen Handlungsalgorithmus vor, der Gründe für und wider eine Bluttransfusion gewichtet. Wichtig sei es, dass Ärzte die Situation offen mit den Patienten besprechen und vorausblickend die Handlungen für den Notfall planen. Die Einwilligung des Patienten bleibt auch im Handlungsalgorithmus die notwendige Voraussetzung für jede therapeutische Maßnahme oder deren Ablehnung.

B. Alt-Epping et al.:
Substitution von Blutkomponenten in der Palliativversorgung.

Kriterien der Transfusionsbegrenzung in der ethischen Reflexion.

DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2010; 135 (42):

S. 2083-2087

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