• Brustkrebs © Fotolia – Sebastian Kaulitzki

    Ist der Tumor nach einer neoadjuvanten Chemotherapie verschwunden, könnte einigen Frauen in Zukunft womöglich eine OP erspart bleiben. © Sebastian Kaulitzki/Fotolia.com

     

Brust-OP nach vorangegangener Chemotherapie: Gibt es für einige Patientinnen in Zukunft eine Alternative?

fzm, Stuttgart, Januar 2018 – Die Chemotherapie ist bei Brustkrebs heute so effektiv, dass in der anschließenden molekularbiologischen Untersuchung häufig keine Krebszellen mehr nachweisbar sind. Onkologen erwägen daher, in Zukunft bei einigen Frauen gegebenenfalls ganz auf einen operativen Eingriff zu verzichten. Was dafür, was dagegenspricht und inwieweit eine Biopsie eine Operation ersetzen könnte, diskutieren Experten in der Fachzeitschrift „Geburtshilfe und Frauenheilkunde“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2018).

Bis vor einigen Jahren wurden die meisten Frauen, die an Brustkrebs erkrankten, zunächst operiert und erhielten im Anschluss an die Tumorentfernung eine sogenannte adjuvante (unterstützende) Chemotherapie. Die Zytostatika sollen Krebszellen abtöten, die noch im Körper vorhanden sind. Bei der neoadjuvanten Chemotherapie werden die Medikamente bereits vor einem operativen Eingriff verabreicht. Das Ziel ist dann unter anderem eine Verkleinerung des Tumors, um beispielsweise eine brusterhaltende Operation zu ermöglichen.

Die neoadjuvante Chemotherapie ist in manchen Fällen so erfolgreich, dass Pathologen im operativ entfernten Brust- und Lymphknotengewebe häufig keine Krebszellen mehr nachweisen können. Der mikrobiologische Befund lautet dann „pathologische Komplettremission“ (pCR). Bei bestimmten Brusttumoren beträgt die pCR bis zu 60 Prozent, schreibt Professor Jörg Heil, Leiter der Sektion Senologie und Koordinator am Brustzentrum der Universitäts-Frauenklinik Heidelberg. Gemeinsam mit Fachärzten anderer deutscher Brustzentren hat er die bisherigen Studienergebnisse zusammengefasst. „Die Patientinnen und auch wir fragen uns, ob nicht in manchen Fällen nach einer neoadjuvanten Chemotherapie auf eine Operation sowie vielleicht auch auf eine Bestrahlung verzichtet werden könnte.“

„Die Schwierigkeit besteht darin, dass die Tumorremission mithilfe bildgebender Verfahren bislang nicht sicher genug bestimmt werden kann“, erklären Professor Heil und Kollegen. Der negative Vorhersagewert lag in den herangezogenen Studien teilweise bei weit unter 90 Prozent. Dieser Wert gibt an, wie viele Patientinnen, bei denen in der Mammographie kein Tumor gefunden wurde, auch tatsächlich krebsfrei sind. Ein übersehener Tumor kann zwar später noch entfernt werden, die Überlebenschancen der Frauen könnten dann jedoch sinken.

Auch eine Ultraschall-Untersuchung oder Kernspintomographie sind nicht immer zuverlässig. Professor Heil und Kollegen diskutieren daher, nach Abschluss der neoadjuvanten Chemotherapie aus dem ehemaligen Tumorareal eine Gewebeprobe zu entnehmen und diese beim Pathologen untersuchen zu lassen. Die Entnahme erfolgt durch Punktion der Brust unter Luftsog als sogenannte Vakuumbiopsie. Der genaue Ort der Gewebeentnahme wird mittels einer Ultraschall-Untersuchung festgelegt.

Eine erste Studie am Brustzentrum Heidelberg hat laut Professor Heil vielversprechende Ergebnisse geliefert. Der negative Vorhersagewert betrug 94,4 Prozent und der Anteil der falsch negativen Ergebnisse 4,8 Prozent. Eine Studie des MD Anderson Cancer Center in Houston, einer der größten Krebskliniken in den USA, sei zu ähnlichen Ergebnissen gekommen, berichtet Heil. Darüber hinaus zeigte sich, dass die Vakuumbiopsie im Vergleich zu anderen Methoden wie der Stanz- und Feinnadelbiopsie die präzisesten Resultate lieferte.

Die Ergebnisse werden derzeit in einer größeren Untersuchung überprüft. An der RESPONDER-Studie nehmen 600 Patientinnen teil, bei denen eine neoadjuvante Chemotherapie durchgeführt wurde. Bei allen Frauen wird nach der Vakuumbiopsie eine Operation durchgeführt, um die Zuverlässigkeit der Diagnose zu überprüfen. Die Ergebnisse werden für Dezember 2019 erwartet. Bei positivem Ausgang der Untersuchung stellen die Experten in Aussicht, dass ausgewählten Patientinnen danach, im Rahmen einer weiteren Studie, eine Behandlung ohne Operation angeboten werden könnte.

H. Richter, A. Hennigs, B. Schaefgen, M. Hahn, J. U. Blohmer, S. Kümmel, T. Kühn, M. Thill, K. Friedrichs, C. Sohn, M. Golatta, J. Heil:
Ist eine Operation der Brust bei Komplettremission nach neoadjuvanter Chemotherapie des Mammakarzinoms notwendig?
Geburtshilfe und Frauenheilkunde 2018; 78 (1); S. 48–53

 

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