Brustkrebs-Screening bei Seniorinnen: sinnvoll oder nicht?

fzm – Seit acht Jahren gibt es in Deutschland ein Mammographie-Screening-Programm, das allen Frauen zwischen 50 und 69 Jahren offensteht. Ob das Angebot auch auf Seniorinnen jenseits dieser zwei Lebensjahrzehnte ausgedehnt werden sollte, wird kontrovers diskutiert. „Für diese Altersgruppe gibt es nicht genügend aussagekräftige Studien“, sagt Anton Scharl, Professor für Gynäkologie am Brustzentrum St. Marien in Amberg. In der Fachzeitschrift „Geburtshilfe und Frauenheilkunde“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2010) stellt Scharl den derzeitigen Erkenntnisstand zum Thema vor.

„Verlässliche Daten, die eine Reduktion der Brustkrebssterblichkeit durch die Früherkennung belegen, gibt es bislang nur für die Altersspanne von 50 bis 69“, sagt Anton Scharl. Hier können durch die Röntgen-Reihenuntersuchungen bis zu einem Drittel der Brustkrebstodesfälle verhindert werden. „Grundsätzlich ist jedoch zu bedenken, dass Früherkennungsmaßnahmen nicht nur nutzen“, betont Scharl. Zum einen gehe jede Röntgenuntersuchung der Brust mit einer Strahlenbelastung einher. Zum anderen aber mache jeder auffällige Befund aus einer gesunden Frau eine Patientin. „Dann stehen ihr zumindest seelische Belastungen und weitere Untersuchungen, eventuell sogar eine Operation bevor“. So genannte falsch positive Befunde, bei denen zu Unrecht ein Krebsverdacht entsteht, sind daher auf der „Schaden“-Seite der Reihenuntersuchung zu verbuchen.

Während bei der bereits in das Screening-Programm aufgenommenen Altersgruppe der Nutzen eindeutig überwiegt, kann für die über 69-Jährigen noch keine verlässliche Kosten-Nutzen-Abwägung vorgenommen werden – Studien zu dieser Altersgruppe gibt es bislang kaum. Einerseits nimmt das Brustkrebsrisiko mit steigendem Alter zu. Das würde für eine Ausdehnung des Früherkennungsprogramms sprechen. Andererseits nimmt auch das Risiko der Überdiagnose zu. Denn wichtig und sinnvoll ist das Erkennen eines Krebsherdes nur dann, wenn dieser das Leben der betroffenen Frau in Gefahr bringt. Mit zunehmendem Alter nimmt jedoch auch die Zahl der Tumoren zu, die in der verbleibenden Lebensspanne nicht mehr auffällig geworden wären.

Hinzu kommen die Wucherungen, die sich auch ohne Therapie nur auf einen kleinen Gewebebereich ausdehnen oder sich gar spontan wieder zurückbilden. Anton Scharl verweist auf skandinavische Studien, nach denen bis zu 30 Prozent der beim Screening entdeckten Tumoren auch ohne weitere Behandlung wieder verschwinden.

Angesichts der steigenden Lebenserwartung gewinnt die Frage nach einem Screening für die Altersgruppe ab 69 immer mehr an Bedeutung. Eine 70jährige Frau hat heute eine durchschnittliche Lebenserwartung von 15 Jahren – mit stetig steigender Tendenz. Dennoch spricht die derzeitige Datenlage nicht dafür, dass ein generelles Screening für diese Altersgruppe nützlich ist. „Vielmehr erscheint es sinnvoll, Empfehlungen für die Gruppe der über 69-Jährigen nicht generell, sondern individuell, in Abhängigkeit vom Gesundheitszustand und Risikofaktoren zu geben“, sagt Anton Scharl und verweist auf Modellrechnungen, nach denen gesunde 80-Jährige eher von der Brustkrebsfrüherkennung profitieren als 70-Jährige mit mehreren Vorerkrankungen und einer dementsprechend reduzierten Lebenserwartung. Sein Fazit: „Die Vorteile der Brustkrebsvorsorge scheinen zumindest dann zu überwiegen, wenn die individuelle Lebenserwartung zehn Jahre übersteigt.“

A. Scharl:
Brustkrebsfrüherkennung nach dem 69. Lebensjahr.
Geburtshilfe und Frauenheilkunde 2010; 70 (10): S. 832-834

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