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    Bisher profitieren vor allem Leukämie- und Lymphom-Patienten von CAR-T-Zelltherapien. © kalpis/ Adobe.Stock

     

CAR-T-Zellen: Behandlungen gegen Krebserkrankungen

fzm, Stuttgart, September 2019 – Sogenannte CAR-T-Zelltherapien, die köpereigene Abwehrzellen in speziellen Reinräumen für „die Jagd auf Krebszellen“ im Körper fit machen, haben bisher großartige Ergebnisse bei bestimmten Krebserkrankungen erzielt. Laut einer Expertin in der Fachzeitschrift “Transfusionsmedizin“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2019) könnten in Zukunft mehr Patienten als bisher von der vielversprechenden Behandlung profitieren.

Weltweit wurden bisher erst zwei CAR-T-Zelltherapien (Kymriah® und Yescarta®) zugelassen: im August letzten Jahres in der EU sowie ein Jahr zuvor in den USA. Für die Behandlung werden zunächst T-Zellen in einer Art Blutwäsche (Apherese) aus dem Blut der Krebskranken angereichert. T-Zellen, auch T-Lymphozyten genannt, sind eine Gruppe von weißen Blutkörpern, die der Immunabwehr dienen. In speziellen Reinräumen werden sie anschließend mit einem zusätzlichen Gen versehen, vermehrt und dem Patienten per Infusion zurückgegeben. Das zusätzliche Gen enthält den Bauplan für einen sogenannten chimären Antigenrezeptor (CAR). Dies ist die Antenne, mit der T-Zellen Krebszellen überall im Körper orten und diese zielgerichtet zerstören können.

Mit Kosten von mehr als 300 000 Euro für eine einzige Infusion sind die CAR-T-Zelltherapien derzeit eine der teuersten Krebsbehandlungen. Der hohe Preis erklärt sich unter anderem durch den aufwendigen Herstellungsprozess, erläutert Professor Dr. Dr. Ulrike Köhl, Direktorin am Institut für Klinische Immunologie der Universität Leipzig und Leiterin des Fraunhofer-Instituts für Zelltherapie und Immunologie (IZI) sowie Direktorin des Instituts für Zelltherapeutika der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Die Behandlung erfolgt nach individueller Herstellung dieser „lebenden Krebsmedikamente“. Derzeit werden die meisten Präparate noch in einem aufwendigen, händischen Prozess über zwölf Tage hergestellt. Einzelne automatische Herstellungsprozesse sind bislang an einem Gerät der Firma Miltenyi Biotec möglich.

Die Herstellung von CAR-T-Zellen für viele Kliniken in Deutschland und Europa und darüber hinaus findet im Rahmen klinischer Studien in Deutschland zentral am Fraunhofer IZI in Kooperation mit der Firma Novartis statt, was zur Marktzulassung für Kymriah® über die EMA führte. Eine dezentrale, automatische Herstellung für frühe klinische Studien erfolgt an der MHH und weiteren fünf Standorten in Deutschland. Darüber hinaus produziert das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg derzeit CAR-T-Zellen händisch für ein klinisches Prüfpräparat. Für die beiden kommerziell erhältlichen CAR T-Zell Produkte gibt es ferner zentrale Herstellungsstätten der Firmen außerhalb von Deutschland.

Bislang haben CAR-T-Zellen weitgehend ein einziges Angriffsziel. Es heißt CD19 und befindet sich ausschließlich auf der Oberfläche von B-Zellen. Diese Abwehrzellen bilden bei gesunden Menschen Antikörper. Wenn sie sich unkontrolliert krebsartig vermehren, kommt es zu bestimmten Leukämien und Lymphomen. Bislang wurden CAR-T-Zellen hauptsächlich bei diesen Erkrankungen eingesetzt. Es gibt aber auch erste klinische Studien mit CAR-T-Zellen, die sich gegen verschiedene Tumoren richten. Sollte dies erfolgreich verlaufen, wird es nötig sein, deutlich mehr CAR-T-Zell-Produkte herzustellen, um eine größere Anzahl von Patienten zu erreichen, erklärt Professor Köhl. Das langfristige Ziel muss daher sein, die Forschung für die Tumoren voranzubringen und CAR-T-Zellen optimiert, zeitlich verkürzt, automatisch und digital gesteuert zu produzieren. Am besten wäre es, wenn die Zellen für die Behandlung nicht von den Krebskranken selbst, sondern von gesunden Spendern stammten. Erste Studien mit speziell aufgearbeiteten CAR-T-Zellen von Spendern sind am Laufen. Darüber hinaus gibt es erste, erfolgsversprechende Ergebnisse mit Fremdspender- oder Nabelschnur-„CAR-NK-Zellen“, einer anderen Art von Immunzellen, so Prof. Köhl. Die Eignung muss aber erst an einer größeren Anzahl an Patienten gezeigt werden.

CAR-T-Zellen könnten im Prinzip auf jede Zelloberflächeneigenschaft ausgerichtet werden, so die Expertin. So könnten sie auch Zellen erkennen, die von Viren befallen sind. Ein mögliches Einsatzgebiet wäre die Hepatitis. Auch die Behandlung von Autoimmunerkrankungen, wie Rheuma, könnte möglich sein. Die CAR-T-Zellen müssten dann die Abwehrzellen eliminieren, die irrtümlicherweise den eigenen Körper angreifen. Das ist aber Zukunftsmusik und bedarf noch einer Reihe von Forschungsarbeiten, so Professor Köhl.

Die Therapie birgt allerdings auch Risiken. Denn wenn die CAR-T-Zellen erst einmal im Körper sind, sind sie derzeit kaum zu bremsen. Wenn sie versehentlich die falschen Ziele angreifen, kann dies fatale Folgen haben. Bei CD19 ist das Risiko gering, da das Merkmal nur auf B-Zellen vorhanden ist. Bei anderen Zielen wäre es wünschenswert, die Zellen im Körper zu kontrollieren. Professor Köhl schlägt hier den Einbau von „Schaltern“ vor, mit denen die Zellen ein- oder ausgeschaltet werden. Auch die Implementierung eines sogenannten „Suizid-Gens“ wäre denkbar. Damit könnten sich die Zellen nach erledigter Arbeit selbst zerstören.

U. Köhl:
CAR-T Zellen: Update 2019 / CAR T cells: Update 2019
Transfusionsmedizin 2019; online erschienen 23.7.2019

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