Die Belastungen chronisch Kranker verstehen

Stuttgart, Februar 2009 – Chronische Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Parkinson oder Rheuma stellen die Betroffenen vor enorme Herausforderungen. Den Alltag zu organisieren, ohne zu wissen, ob ein neuer Krankheitsschub unmittelbar bevorsteht oder ob es einem am nächsten Tag eher gut gehen wird, ist keine leichte Aufgabe. Da kann es schon vorkommen, dass Arzt- oder Physiotherapie-Termine kurzfristig abgesagt werden. "Für den Therapeuten ist das zwar lästig – er sollte aber versuchen, Verständnis für die schwierige Lage seines Patienten zu haben", fordern die Gesundheitswissenschaftler Gunnar Geuter und Jan Weber nun in der Fachzeitschrift "physiopraxis" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009).

Das Thema liegt den Bielefelder Gesundheitswissenschaftlern vor allem deshalb am Herzen, weil chronische Krankheiten zunehmend das Erkrankungsspektrum in Deutschland dominieren. Ärzte und Therapeuten werden daher immer öfter mit Patienten konfrontiert sein, die eine chronische Grunderkrankung haben.

Am Verständnis für deren Probleme mangelt es gleichwohl noch, wie Geuter und Weber am Beispiel einer Physiotherapeutin zeigen, die sich über die wiederholte Absage einer Rheuma-Patientin ärgert. "Ich glaube sie verpasst die Termine absichtlich – offenbar hat sie gar kein Interesse daran, dass ihr geholfen wird!" Dabei vergessen manche Therapeuten offensichtlich leicht, dass die Physiotherapie-Sitzung zwar ein wichtiger, aber doch nur ein Aspekt unter vielen ist, die der Patient in seinem Alltag managen und unterbringen muss. In Krankheitsphasen, in denen die körperlichen Ressourcen stark eingeschränkt sind, kann selbst ein sorgfältig strukturierter Zeitplan leicht ins Wanken geraten. "Schon ein unvorhergesehenes Ereignis kann den ganzen Tagesplan durcheinander bringen", sagen Geuter und Weber. Dass dann auch mal ein Physiotherapie-Termin kurzfristig abgesagt werden muss, ist nicht auf mangelndes Interesse oder Rücksichtslosigkeit zurückzuführen, sondern manchmal schlicht unvermeidbar.

Auch bei der Behandlung selbst müssen die Therapeuten sich ganz an den Bedürfnissen und den Fähigkeiten der Patienten orientieren. "In akuten Krankheitskrisen brauchen chronisch Kranke eine ganz andere Unterstützung als in Phasen relativer Stabilität", schreiben die Bielefelder Wissenschaftler. Die Vorstellungen und Wünsche der Patienten müssten im steten Dialog ausgelotet werden. Eine ideale Therapie vermeidet es dabei, krankheitsbedingte Defizite zu sehr in den Mittelpunkt zu stellen. Stattdessen trägt sie dazu bei, noch vorhandene Ressourcen des Patienten zu betonen und zu stärken. Einfühlsame Physiotherapeuten können für den Patienten auch zum wichtigen Ansprechpartner, quasi zum Lotsen durch die komplizierten Strukturen des Gesundheitswesens werden, betonen Geuter und Weber. Die beiden Autoren hoffen, dass sich in Zukunft mehr Therapeuten die Zeit nehmen, kurz innezuhalten und sich in die Situation eines chronisch Kranken einzudenken. Dem Verständnis für den Patienten käme das zugute – und vorschnelle Verurteilungen könnten so vermutlich vermieden werden.

G. Geuter, J. Weber:
Besondere Situation des Patienten beachten - Herausforderung chronische Erkrankung.
physiopraxis 2009; 7 (1): S. 34-37

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