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    Ob eine Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus womöglich langfristige negative Folgen für das Gehirn haben könnte, ist noch unklar. © Rasi/stock.adobe.com

     

COVID-19 und Parkinson: Betroffene erkranken häufiger schwer und leiden stark unter sozialer Isolation

fzm, Stuttgart, Juni 2021 – Ein Beitrag in der aktuellen Ausgabe der Fortbildungszeitschrift „Neurologie up2date“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2021) widmet sich den möglichen neurologischen Komplikationen infolge von COVID-19. Das Autorenteam zeigt unter anderem auf, welche Symptome die Virusinfektion bei an Parkinson vorerkrankten Patientinnen und Patienten hervorruft und warum sie unter den pandemiebedingten Veränderungen besonders stark gelitten haben. Demnach haben sich Depressionen, unter denen sie ohnehin häufig leiden, noch verstärkt. Des Weiteren diskutieren sie darüber, inwieweit das Virus das Gehirn dauerhaft schädigen und gegebenenfalls die Entstehung eines Morbus Parkinson begünstigen kann.

Erstautorin Dr. med. Eileen Gülke und Professor Dr. med. Christian Gerloff vom UKE Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf zeigen den Verlauf einer COVID-19-Erkrankung am Fallbeispiel eines 80-jährigen Mannes mit Parkinson auf. Er hatte sich im Rahmen einer Familienfeier mit dem SARS-CoV-2-Virus infiziert und erkrankte schwer. Noch bevor er Atemwegssymptome zeigte, kam es bei ihm zu neurologischen Auffälligkeiten: die parkinsonbedingte Muskelsteifigkeit nahm zu, er klagte über Kopfschmerzen, wirkte antrieblos und war zunehmend verwirrt. Der schließlich benachrichtigte Notarzt stellte eine verminderte Sauerstoffsättigung von 84 Prozent fest und veranlasste die Klinikeinweisung. Dort wurde mittels Computertomografie (CT) eine schwere Lungenentzündung festgestellt.

Ein für Parkinsonpatientinnen und -patienten typischer Verlauf, erklären Gülke und Gerloff: Die Infektion erhöht den Bedarf an Dopamin, einem Botenstoff, der die Nervenzellen im Gehirn aktiviert. An Parkinson erkrankte Menschen können den Botenstoff krankheitsbedingt kaum noch bilden und erhalten deshalb das Medikament L-Dopa. Im beschriebenen Fall war der Dopaminverbrauch höher als die verschriebene Dosis, was zum Auftreten der für Parkinson typischen Bewegungsstörungen führte und die Verwirrtheit des Mannes erklärt.

Der fehlende Botenstoff führt aber nicht nur zu motorischen und kognitiven, sondern auch zu emotionalen Störungen. Patienten mit Morbus Parkinson können sich daher weniger flexibel auf veränderte Lebensbedingungen einzustellen. Die Pandemie-Situation und die damit verbundenen Einschränkungen gehen für sie deshalb oft mit einem Gefühl des Kontrollverlusts und einem erhöhten Stressniveau einher. „Sind die Betroffenen von Angehörigen und Freunden isoliert, kann das zu einer weiteren Zunahme an Depressionen führen, wovon ohnehin bereits 30 bis 40 Prozent aller Parkinson-Patienten betroffen sind“, so Gülke und Gerloff.

Welche Folgen die Pandemie auf Menschen mit Parkinson hatte und hat, wird deshalb in Deutschland derzeit in der „ParCoPa-Studie“ untersucht. Sowohl Erkrankte als auch ihre betreuenden Ärzte werden zu ihren Erfahrungen befragt. Ein Blick in die USA lässt das Autorenteam befürchten, dass sich die Symptome und die Versorgung der Patienten deutlich verschlechtert haben. Dort bereits durchgeführte Umfragen belegen, dass die Pandemie zu einem deutlichen Rückgang der körperlichen Aktivität geführt hat, die eine wichtige unterstützende Rolle in der Therapie des Parkinson-Syndroms habe, so Gülke und Gerloff.

Auch sei noch unklar, ob eine Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus womöglich langfristige negative Folgen für das Gehirn haben könnte und die Entstehung neurodegenerativer Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson gegebenenfalls begünstige. Überlegungen, dass das Coronavirus über die Nase und die Riechbahn oder andere Nervenbahnen direkt ins Gehirn gelangen und dort Eiweißstrukturen (Alpha-Synuclein-Proteine) krankhaft verändern könnte, seien jedoch noch nicht belegt. „In dieser noch unklaren Situation ist es sicherlich sinnvoll, zukünftig bei der Anamnese-Erhebung, insbesondere von neurodegenerativ erkrankten Patienten, auch nach einer überstandenen COVID-19-Infektion zu fragen“, raten die Expertin und der Experte abschließend.

E. Gülke und C. Gerloff:
Immunvermittelte und erregerbedingte Erkrankungen des ZNS
Neurologische Komplikationen bei COVID-19-Infektion
Neurologie up2date 2021; 4 (2); S. 131–146

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