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    Patienten, die zu oft ihre eigenen Symptome im Internet suchen und Online-Informationen per se als gut bewerten, bezeichnen Experten auch als „Cyberchonder“. © creative soul/Adobe.Stock

     

Auf Erstdiagnose von „Dr. Google“ folgt Zweitmeinung vom Hausarzt

fzm, Stuttgart, Juni 2019 – Immer mehr Menschen googeln ihre Symptome, bevor sie zum Arzt gehen. Hausärzte berichten in einer Umfrage in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2019), dass die Internet-Recherche oft zu falschen Erwartungen führe. Auch verunsichere die Online-Suche Patienten mehr als dass sie ihnen nütze, so die Mediziner. Im schlimmsten Fall kann die übermäßige Recherche von Krankheitssymptomen im Internet Angstzustände auslösen. Experten sprechen dann in Anlehnung an die Hypochondrie von einer „Cyberchondrie“. Die Behandlung der Betroffenen stellt für den behandelnden Arzt eine besondere Herausforderung dar.

Das Internet hat das Verhältnis zwischen Arzt und Patient verändert. Zu diesem Ergebnis kommt auch Dr. phil. Julian Wangler. Der Sozialforscher arbeitet am Zentrum für Allgemeinmedizin und Geriatrie der Universitätsmedizin Mainz. Er hat über 800 Hausärzte in Südhessen dazu befragt, ob und wie häufig Patienten in der Sprechstunde Erstdiagnosen aus dem Internet thematisieren. Zwei Drittel der Mediziner gaben an, dass sie häufig damit konfrontiert würden. Patienten kämen bereits mit Informationen zu den Symptomen ihrer möglichen Erkrankung in die Praxis und hätten sich bereits über Therapien Gedanken gemacht.

Online-Suche verunsichert mehr als dass sie hilft

Die Ärzte hatten den Eindruck, dass die Patienten durch die vorherige Internet-Suche eher verwirrt oder verunsichert werden (84 Prozent) und nervöser und ängstlicher wirken (74 Prozent). Dass die Patienten gut informiert sind und daher den Arzt besser verstehen (29 Prozent) oder bei Beschwerden rechtzeitiger in die Praxis kommen (16 Prozent), ist nach Einschätzung der Allgemeinmediziner seltener der Fall. Nur sechs Prozent der Ärzte gaben an, dass die Patienten sich nach einer Internet-Recherche sicherer fühlten und nur vier Prozent der Mediziner erklärten, dass sie dann vernünftiger handeln.

Patienten tendieren zur Selbstmedikation

62 Prozent der Hausärzte beklagten, dass die Patienten mit falschen Erwartungen in die Praxis kämen. 46 Prozent vermuten, dass ihre Diagnose zuhause via Internet überprüft werde. Insgesamt 41 Prozent der Mediziner befürchten, dass das Internet die Patienten dazu bewege, andere als die verordneten Medikamente einzunehmen. 39 Prozent mutmaßen, dass die verordneten Medikamente infolgedessen nicht eingenommen werden.

Internet-Recherche erhöht Gesprächsbedarf

Darüber hinaus zeigt die Umfrage, dass eine Internet-Recherche den Gesprächsbedarf seitens der Patienten erhöht: 74 Prozent der Ärzte sagten, dass die Patienten mehr Fragen stellen würden, 64 Prozent sahen sich zunehmender Kritik gegenüber, 32 Prozent empfanden die Patienten als konfliktbereiter.

Patienten mit psychosomatischen Erkrankungen googlen besonders oft

Wer aber sind typischerweise die Patienten, die ihre Arztbesuche online vor- und nachbereiten? Nach Aussage der Mediziner sind es vor allem Menschen unter 60 Jahren (82 Prozent) mit einem höheren Bildungsniveau (32 Prozent). 42 Prozent erklärten, dass viele Patienten mit psychosomatischen Erkrankungen, nach Gründen für ihre Beschwerden im Internet suchen. Diese befürchten aufgrund ihrer Online-Recherchen, dass sie eine schlimme Erkrankung haben, obwohl aus ärztlicher Sicht keine Hinweise darauf bestehen.

„Cyberchonder“ verlieren das Vertrauen in ihren Arzt

Dr. Wangler spricht in Anlehnung an die Hypochondrie des eingebildeten Kranken von einer „Cyberchondrie”. Die Betroffenen suchen sehr viel häufiger als andere im Internet nach eigenen Symptomen und Beschwerden. Gleichzeitig bewerten sie die Qualität von Online-Gesundheitsangeboten insgesamt als hoch und haben eine höhere Affinität zur Selbstmedikation. Ist der Unterschied zwischen den Therapievorschlägen des Arztes und den Aussagen im Internet zu groß, verlieren die Betroffenen das Vertrauen in ihren Arzt.
Etwa jeder fünfte Arzt gab in der Umfrage an, die Behandlung infolgedessen beendet zu haben. Dr. Wangler rät Hausärzten in jedem Fall, die Online-Informationssuche aktiv im Patientengespräch zu thematisieren. Nur so könnten mögliche negative Auswirkungen auf das Arzt-Patient-Verhältnis vorgebeugt werden. Darüber hinaus regt er an, bereits bei der Anamnese abzufragen, inwieweit sich Patienten bereits online informiert haben.

J. Wangler und M. Jansky:
Internetassoziierte Gesundheitsängste in der hausärztlichen Versorgung – Ergebnisse einer Befragung unter Allgemeinmedizinern und hausärztlich tätigen Internisten in Hessen
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2019; online erschienen am 1.3.2019

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