Darmkrebsfrüherkennung: “Virtuelle” kann echte Darmspiegelung (noch) nicht ersetzen

fzm – Zwar gibt es vielversprechende Studienergebnisse zur "virtuellen" Dickdarmuntersuchung. Die "echte" Darmspiegelung mit einem Endoskop bleibt in Deutschland das Standardverfahren zur Darmkrebsfrüherkennung. Die am Bildschirm simulierte Fahrt durch den Darm sollte die Ausnahme bleiben. Hierin waren sich zwei Experten in der Fachzeitschrift "DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009) einig. Über den genauen Stellenwert der "virtuellen" Koloskopie gibt es jedoch unterschiedliche Ansichten.

Die "virtuelle" Koloskopie nutzt die Daten einer Computertomografie, um mit Hilfe einer speziellen Software den Dickdarm am Rechner zu rekonstruieren. Der Arzt kann sich dann am Bildschirm auf die Suche nach Darmpolypen begeben. Diese Veränderungen der Schleimhaut sind Ausgangspunkt der meisten Darmkrebserkrankungen.

Neuere Studien haben gezeigt, dass die virtuelle Koloskopie Polypen ab einer Größe von zehn Millimetern sehr zuverlässig erkennt. Die virtuelle Koloskopie hat sich seit 1990 von einer Außenseitermethode zu einer echten Alternative entwickelt, berichtet Professor Andrik Aschoff vom Klinikum Kempten. Die amerikanische Krebsgesellschaft erkenne sie seit dem letzten Jahr als Darmkrebsvorsorgeuntersuchung an. Ihr Vorteil: Dem Patienten wird die oft unangenehme Darmspiegelung mit dem Endoskop erspart. Diese bleibt nur erforderlich, falls in der virtuellen Koloskopie Polypen entdeckt werden.

Polypen sind allerdings keineswegs selten, und wenn sie konsequent entfernt werden sollen, müssten sich etwa 30 Prozent aller Patienten nach einer virtuellen einer echten Koloskopie unterziehen, kritisiert Dr. Christian Pox von der Universität Bochum. Was für die betroffenen Patienten ein doppelter Nachteil ist. Denn vor beiden Untersuchungen wird eine Darmreinigung erforderlich. Die Patienten müssen dabei eine größere Menge eines Abführmittels mit einem unangenehmen Geschmack trinken. Dies ist ein wesentlicher Faktor für die Ablehnung der Koloskopie, schreibt Dr. Pox.

Dem Bochumer Mediziner bereitet auch die Möglichkeit Sorge, dass einige "flache" Karzinome, die nicht in Polypen entstehen, übersehen werden könnten. Außerdem sei die Untersuchung wegen der Röntgenstrahlung bei der Computertomografie keineswegs harmlos. Professor Aschoff hält dem entgegen, dass Menschen im Alter von über 55 Jahren, denen die Darmkrebsfrüherkennung empfohlen wird, weniger strahlenempfindlich seien als jüngere. Auch Strahlenexperten würden der virtuellen Koloskopie ein günstiges Nutzen-Risiko-Verhältnis bescheinigen. Professor Aschoff rät deshalb Menschen, die ein echtes Vorsorgebedürfnis haben, die Endoskopie jedoch ablehnen, zur virtuellen Koloskopie. Dr. Pox spricht sich hingegen dafür aus, die virtuelle Koloskopie auf die seltene Ausnahme zu beschränken, in denen eine Endoskopie misslingt, weil der Darm ungewöhnlich lang ist oder Verengungen aufweist.

A. J. Aschoff.:
Virtuelle Koloskopie zur Detektion kolorektaler Raumforderungen – pro.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2009; 134 (19): S. 998

C. P. Pox:
Virtuelle Koloskopie zur Detektion kolorektaler Raumforderungen – contra.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2009; 134 (19): S. 999

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