Darmkrebsvorsorge: Virtuelle Kolonografie kein Ersatz für die Darmspiegelung

Stuttgart, August 2010 – Vielen Menschen bereitet der Gedanke an eine Spiegelung des Dickdarms Unbehagen. Eine “virtuelle” Untersuchung ohne Endoskop ist zwar mittels Computertomografie (CT) möglich. Die Ergebnisse sind einer Studie in der Fachzeitschrift DMW “Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2010) zufolge aber nicht gleichwertig: Darmkrebsvorläufer würden häufig übersehen und vielen Patienten bliebe im Rahmen einer Kontrolluntersuchung eine Darmspiegelung doch nicht erspart.

In Deutschland sterben jährlich 27 000 Menschen an Darmkrebs, der dritthäufigsten Ursache bei den Krebstodesfällen. Die meisten bösartigen Tumoren entwickeln sich aus kleinen, zunächst gutartigen Wucherungen der Darmschleimhaut, den sogenannten Polypen. Bei einer Darmspiegelung, die in Deutschland seit Oktober 2002 allen Krankenversicherten ab 55 Jahren kostenlos angeboten wird, können solche Polypen entfernt werden. Zahlen aus Deutschland belegen, dass dies die Sterberate am Darmkrebs verringern kann, so Privatdozent Dr. med. Markus Juchems vom Universitätsklinikum Ulm. Doch die Akzeptanz der Vorsorgeuntersuchung ist eingeschränkt. Viele Menschen haben Angst vor den Komplikationen einer Darmspiegelung, die allerdings selten sind, oder sie scheuen sich vor einer unangenehmen, eventuell schmerzhaften Untersuchung.

Vor diesem Hintergrund erscheint eine virtuelle Darmspiegelung als vielversprechende Alternative. Tatsächlich haben sich die Möglichkeiten der CT-Kolonografie, wie Ärzte die virtuelle Untersuchung nennen, in den letzten Jahren verbessert. Moderne CT-Geräte ermöglichen hochauflösende Schichtaufnahmen des Bauchraums, und ein Computer fügt diese zu dreidimensionalen Bildern vom Darminneren zusammen. Die Ärzte können auch ohne Endoskop eine “Fahrt” durch den Dickdarm unternehmen und dabei nach Polypen suchen. Die Patienten müssen zwar, wie bei der echten Darmspiegelung, tags zuvor Abführmittel einnehmen, um den Darm zu reinigen. Die Einführung eines Endoskops in den After bleibt ihnen aber erspart – jedenfalls vorerst.

Denn wenn bei der CT-Kolonografie ein verdächtiger Polyp entdeckt wird, ist als Folgeuntersuchung immer eine Darmspiegelung erforderlich. In Ulm hat jetzt ein Team um Dr. Juchems an 58 Patienten untersucht, wie häufig dies der Fall ist. Alle Teilnehmer der Studie unterzogen sich zunächst einer virtuellen und dann einer echten Darmspiegelung. Die gute Nachricht: Mit der virtuellen Untersuchung ließen sich alle Polypen aufspüren, die größer als zehn Millimeter waren. Diese Polypen müssen auf jeden Fall entfernt werden, betonen die Autoren: Das Risiko, dass sich aus ihnen ein Krebs entwickelt, betrage ein Prozent pro Jahr für jeden Polypen. Von den 58 Patienten der Studie hatten fünf einen oder mehrere solche Polypen. Bei ihnen wäre auch außerhalb der Studie nach einer virtuellen Kolonografie immer eine echte Darmspiegelung notwendig gewesen.

Darüber hinaus: Auch viele kleinere Läsionen erwiesen sich in der feingeweblichen Untersuchung durch den Pathologen als krebsverdächtig. Bei den kleineren Polypen von unter fünf Millimetern Größe, die in der CT-Kolonografie nur selten entdeckt wurden, betrug der Anteil fast die Hälfte. Das Risiko, einen Krebs auszubilden, ist zwar geringer als bei den großen Polypen, es ist aber vorhanden. Wann sich in kleinen Polypen ein Krebs entwickelt, ist nicht vorhersehbar, warnen Dr. Juchems und Kollegen: Für die Entscheidung für oder gegen eine Entfernung sei die Größe allein deshalb wenig zielführend.

Ein weiterer kritischer Punkt ist das Strahlenrisiko durch die CT-Untersuchung. Dr. Juchems: Es stellt sich die Frage, ob der Einsatz von Röntgenstrahlung für eine Vorsorge zu rechtfertigen ist, wenn dies auch ohne Strahlenbelastung möglich ist.

M. Juchems et al.:
CT-Kolonographie versus Videokoloskopie zum Nachweis kolorektaler Läsionen in der Vorsorgepopulation.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2010; 135 (34/35): S. 1656-1661

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