Demenz in Deutschland – repräsentative Zahlen

Stuttgart, Juni 2013 – Die deutsche Gesellschaft altert, und damit nimmt auch die Zahl der Demenzkranken stetig zu. Wie verbreitet die Demenz in den Pflegeheimen der Republik ist, war bislang jedoch nicht genau bekannt. Wissenschaftler des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim haben erstmals bundesweit Zahlen dazu erhoben. In der Fachzeitschrift „Psychiatrische Praxis“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2013) stellt das Team um Martina Schäufele, jetzt Professorin für Gerontologie an der Fakultät für Sozialwesen der Hochschule Mannheim, die Studie vor.

An der Untersuchung nahmen 58 vollstationäre Pflegeheime teil, die in Bezug auf Lage, Trägerschaft und Bewohnerzahl als repräsentativ für das gesamte Bundesgebiet gelten können. Für möglichst alle Heimbewohner wurde von qualifizierten Mitarbeitern ein Pflege- und Verhaltens-Assessment durchgeführt. Dieses schloss auch die so genannte Demenz-Screening-Skala (DSS) ein, mit der der Demenzgrad ermittelt wurde. "Dabei konnten wir Daten für 97,7 Prozent der Bewohner erheben", freut sich Martina Schäufele - insgesamt standen den Wissenschaftlern für die Auswertung fast 4500 Assessments zur Verfügung.
Wie die Analyse der Daten ergab, wiesen in den einzelnen Heimen zwischen 45 und 90 Prozent der Bewohner eine Demenz auf. Im Mittel lag der Anteil der Bewohner mit Demenz bei fast 69 Prozent. Die Krankheitshäufigkeit nahm dabei mit steigendem Alter signifikant zu: Bei den über-85-Jährigen bis auf rund 73 Prozent. Dabei waren Frauen geringfügig häufiger betroffen als Männer.

Etliche der Heimbewohner mit Demenz erhalten jedoch offenbar keine korrekte Diagnose ihres Zustands. So lag bei 44,5 Prozent der nun per DSS identifizierten Demenzkranken bisher noch kein entsprechender ärztlicher Befund vor. "Im Vergleich zu manchen regionalen Studien, in denen zum Teil noch nicht einmal jeder vierte Demenzkranke zuvor vom Arzt als demenzkrank dokumentiert worden war, ist dieser Wert noch gut", sagt Martina Schäufele. Dennoch müsse die Diagnosegenauigkeit verbessert werden - dies sei für eine adäquate Betreuung und Therapie unerlässlich.

Im Rahmen ihrer Studie, die auf der Ausgangserhebung des unabhängigen Instituts TNS Infratest Sozialforschung basiert, nahmen die Wissenschaftler auch die ärztliche Versorgung der Heimbewohner unter die Lupe. Dabei zeigte sich, dass mit steigendem Schweregrad der Demenz die Häufigkeit der Kontakte zum Hausarzt zwar abnahm, insgesamt jedoch als gut beurteilt werden konnte. "Ein anderes Bild bietet die fachärztliche Versorgung", so Schäufele. Der Anteil der mindestens einmal jährlich untersuchten Demenzkranken schwankte je nach Fachgebiet zwischen über 16 Prozent beim Augenarzt und lediglich knapp vier Prozent bei der gynäkologischen Versorgung. Weniger als 20 Prozent der demenzkranken Heimbewohner wurden im vergangenen Jahr von einem Zahnarzt behandelt. Dabei waren die Versorgungsraten umso niedriger, je höher der Grad der Demenz war.

"Obwohl die geringe Präsenz von Fachärzten in den Heimen nicht zwangsläufig auf eine ärztliche Unterversorgung schließen lässt, weisen die Befunde zum Teil auf deutliche Defizite hin", so die Autoren der Studie. Deshalb plädieren sie dafür, die Forschung in diesem Bereich zu intensivieren und hoffen, bereits jetzt Anhaltspunkte dafür geliefert zu haben, wie die Versorgung der besonders verwundbaren und voraussichtlich weiter wachsenden Gruppe der Demenzkranken verbessert werden kann.

M. Schäufele et al.:
Prävalenz von Demenzen und ärztliche Versorgung in deutschen Pflegeheimen: eine bundesweite repräsentative Studie
Psychiatrische Praxis 2013; 40 (4); S. 200-206