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    Lenin gelang es 1924 aufgrund seiner vaskulären Demenz nicht mehr, Stalin als Nachfolger zu verhindern. © vinkirill/ Adobe.Stock.com

     

Über Risiken und Nebenwirkungen dementer Staatenlenker

Stuttgart, Dezember 2018 – In historischen Aufzeichnungen gibt es eine Reihe von Hinweisen dafür, dass Staatsoberhäupter verschiedener Länder die Regierungsgeschäfte, trotz eingeschränkter kognitiver Fähigkeiten, gelenkt haben. Mögliche Auswirkungen auf politische Entwicklungen skizziert ein Beitrag in der „DMW Deutschen Medizinischen Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2018).

Staatsoberhäupter übernehmen ihr Amt oft erst in einem fortgeschrittenen Alter. „Es verwundert daher nicht, dass es immer wieder Politiker gibt, die altersbedingt kognitive Einschränkungen zeigen“, stellt Professor Dr. Hans Förstl, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Technischen Universität München, fest. Für seinen Beitrag in der Weihnachtsausgabe der DMW hat er Demenz-Verdachtsfälle bei Staatsoberhäuptern der vergangenen 100 Jahre zusammengetragen.

Die Liste der Persönlichkeiten, die unter kognitiven Einschränkungen gelitten haben, ist lang: Darunter sind amerikanische Präsidenten wie Woodrow Wilson ebenso vertreten wie der Sowjetgründer Lenin oder der nordkoreanische Diktator Kim Jong Il. Inwieweit die abnehmende Geisteskraft von politischen Entscheidern die Geschicke des Landes beeinflusst hat, lässt sich nicht zuverlässig überprüfen, so Förstl. Es gäbe aber Hinweise, auf die weitreichenden Folgen nachlassender Führungskraft. So habe der sprichwörtlich „greise“ Reichspräsident Hindenburg schließlich seinen Widerstand gegen den Gefreiten Hitler aufgegeben und ihn 1933 zum Reichskanzler ernannt. Lenin sei es nicht mehr gelungen Stalin zu verhindern – um nur zwei Beispiele zu nennen.

Umgegangen sei man mit Staatsoberhäuptern, die nicht mehr entscheidungsfähig waren, im Verlauf der vergangenen 100 Jahre sehr unterschiedlich: „Die Praxis reicht vom gnadenlosen Bloßstellen und Absetzen des Betroffenen bis hin zum Kaschieren durch einen starken inneren Zirkel“, berichtet Förstl. Der spanische Diktator Francisco Franco etwa wurde aus machttaktischen Gründen 1974 noch mehrere Wochen beatmet und so „im Amt belassen“. Und dass, obwohl er ins Koma gefallen und der Hirntod bereits eingetreten war. Den wider Erwarten aus einem Koma erwachten Portugiesen Antonio Salazar beließ man aus großer Verehrung zwei Jahre in dem Glauben, er würde sein Land noch regieren, obwohl längst ein neuer Präsident ernannt war.

In anderen Fällen wurden geistige Verfallserscheinungen sehr rasch benannt und führten oft auch dazu, dass das betroffene Staatsoberhaupt abgesetzt wurde. Den an einer Depression und beginnenden Demenz leidende zweite Bundespräsident Heinrich Lübke etwa degradierten Medien und politische Gegner gnadenlos zur Witzfigur. „Heute würde man ein solches Bloßstellen als politisch inkorrekt verurteilen“, erklärt Förstl.

Grundsätzlich sei bei Aussagen zum Geisteszustand öffentlicher Personen Vorsicht geboten. Oft seien die vorgebrachten Einschätzungen nicht medizinisch, sondern politisch motiviert. Eine zuverlässige Diagnose lasse sich nicht aus der Ferne, sondern nur durch eine sorgfältige Untersuchung stellen. Außerdem müsse bedacht werden, dass das Unterstellen einer Geisteskrankheit bei Politikern oft dazu beitrage, tatsächlich Betroffene zu stigmatisieren.

Eine Sonderstellung im Umgang mit Entscheidern im fortgeschrittenen Alter nimmt der Vatikanstaat ein, erklärt Förstl abschließend. „Da ist es vorgesehen, den Papst bis zu seinem Tode im Amt zu belassen – quasi als Sinnbild der Vergänglichkeit.“ Hier übernimmt die mächtige römische Kurie die Führungsaufgaben planmäßig, wenn der Papst dazu nicht mehr fähig ist. Solche Übergangslösungen sind in anderen Ländern nicht grundsätzlich eingeplant. Auf Staatsmänner, die krankheitsbedingt rasch ersetzt werden mussten, folgten nicht selten weniger geeignete Personen.

H. Förstl:
Demente Staatenlenker: Risiken und Nebenwirkungen
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2018; 143 (25); S. 1–5

 

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