Diabetes im Kindesalter: Schulung verbessert Lebensqualität von Kindern und Eltern

Stuttgart, Juni 2011 – Erkranken Kinder an Diabetes, erfordert dies von den kleinen Patienten und ihren Eltern große Disziplin: Regelmäßige Kontrolle des Blutzuckers und Insulinspritzen gehören nun lebenslang zum Alltag. Die intensive Schulung der Eltern hilft Kindern, die neu an Diabetes erkrankt sind, sich schneller in ihrer neuen Lebenssituation zurechtzufinden. Eine Studie in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2011) zeigt, dass die Kinder bereits nach einem Jahr wieder die Lebensqualität ihrer Altersgruppe erreichen. Aber auch die Mütter erhalten durch die Schulung eine wichtige psychische Unterstützung.

Die Diagnose eines Typ-1-Diabetes mellitus trifft Eltern und Kind gleichermaßen. Die heute von den Diabetologen bevorzugte intensive Insulintherapie bedeutet, dass die Kinder den Blutzucker regelmäßig kontrollieren und die Insulindosis an die Anforderungen anpassen müssen. Dies belastet auch die Eltern, die die Therapie verantwortlich gestalten und mit der altersgemäßen Erziehung ihres Kindes in Einklang bringen müssen, schreibt die Psychologin Professor Karin Lange von der Medizinischen Hochschule Hannover. Sie hat zusammen mit Professor Thomas Danne, Präsident der Deutschen Diabetes-Gesellschaft und Kinderdiabetologe in Hannover, an der Entwicklung eines Elterntrainings mitgewirkt und gehört zu den Herausgebern eines Schulungsbuchs für Eltern von Kindern mit Diabetes.

In Deutschland wird allen Eltern von Kindern, die im Alter von vier bis 14 Jahren an einem Diabetes erkranken, eine Initialschulung angeboten. In 45-minütigen Unterrichtsstunden erläutern Diabetesberater in Theorie und Praxis die Behandlung. Professor Lange hat die Effektivität des Programms zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft Diabetesschulung für Eltern in einer Studie geprüft. Ihre Ergebnisse zeigen, dass die Eltern unterschiedlich lange brauchen, bis sie die Behandlung beherrschen. Die Spanne reichte von 15 bis 67 Unterrichtsstunden, berichtet Professor Lange. Dies erkläre sich durch die unterschiedlichen Vorkenntnisse der Eltern, von denen einige selbst Diabetiker sind. Anderen falle der Unterricht aufgrund eines niedrigen Bildungsniveaus oder geringer Deutschkenntnisse jedoch schwerer.

Am Ende hatten die Mütter und Väter aber ihr Diabeteswissen deutlich verbessert, berichtet die Expertin. Auch die Zufriedenheit der Eltern mit der Schulung war hoch. Die Ärzte konnten außerdem feststellen, dass sich die Stoffwechseleinstellung der Kinder gebessert hatte. Der sogenannte HbA1c-Wert, ein Maß für den langfristigen Blutzucker, war von 10,8 auf 6,8 Prozent nach sechs Monaten gesunken. Nach einem Jahr kam es zwar wieder zu einem leichten Anstieg auf 7,2 Prozent. Das Therapieziel von 7,5 Prozent oder weniger hatten jedoch 71 Prozent der Kinder erreicht, berichtet Professor Lange. Schwere Komplikationen durch zu niedrige Blutzuckerwerte, in der Fachsprache Hypoglykämien, oder durch einen Insulinmangel waren selten.

Als besonders positiv hebt die Psychologin die rasche Verbesserung der Lebensqualität hervor. Schon sechs Monate nach Beginn von Erkrankung und Elternschulung hatten sich die Werte in einem Fragebogen verbessert. Nach zwölf Monaten erreichten die Kinder die Lebensqualität Gleichaltriger. Professor Lange: Für viele sind die anfänglichen Befürchtungen nicht eingetreten. Das wiedererlangte „normale” Leben werde trotz der anspruchsvollen Therapie schon bald als positiv erlebt. Etwas länger benötigten die Mütter, auf denen die Hauptlast der Erziehung liegt. Nach der Erfahrung der Psychologin reagieren viele Mütter auf die Diagnose und die Therapieverantwortung mit einer depressiven Verstimmung, von der sie sich nur langsam erholen. Erst nach zwölf Monaten hatten die meisten die Erkrankung ihres Kindes emotional bewältigt. Professor Lange bleibt jedoch skeptisch: Es sollten weitere Maßnahmen zur frühzeitigen Identifikation und Unterstützung betroffener Mütter entwickelt und evaluiert werden.

Im internationalen Vergleich gilt die Diabetikerschulung in Deutschland als vorbildlich. Nur in Schweden wird eine ähnlich umfassende anfängliche Therapie und Schulung durchgeführt. In anderen Ländern wie Großbritannien oder den USA sind die Schulungsangebote deutlich kürzer. In Frankreich wird heute noch die herkömmliche Insulintherapie bevorzugt, die den Kindern einen strengen Diät- und Spritzenplan vorgibt.

K. Lange, T. Kleine, T. Danne, im Namen der AG Diabetesschulung für Eltern:
Initialschulung für Eltern von Kindern mit Diabetes: Aufwand und Effekte bei Kindern und Eltern.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2011; 136 (21):
S. 1106-1110

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