Ältere Hausärzte erkennen Diabetes bei jüngeren Menschen häufiger

Stuttgart, März 2011 – Obwohl er zu den häufigsten Erkrankungen zählt, bleibt ein Typ-2-Diabetes, auch Alterszucker genannt, häufig über viele Jahre unentdeckt. Gesundheitssystemforscher wollten wissen, ob Hausärzte einen Diabetes vermuten, wenn ein Patient ihnen die typischen Beschwerden schildert. Sie testeten Ärzte mit Videos, in denen Schauspieler im Sprechzimmer als Diabetiker auftraten. Die Ergebnisse wurden jetzt in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2011) vorgestellt.

Bei einem Typ-1-Diabetes mellitus ist die Diagnose leicht gestellt: Übermäßiger Durst, Wasserlassen und Gewichtsverlust führen die Patienten schnell zum Arzt. Die Diagnose Typ-2-Diabetes ist schwieriger. Die Beschwerden sind nicht eindeutig: Der Durst ist vermehrt, aber nicht übermäßig. Auch das häufige Wasserlassen erregt nicht unbedingt Verdacht. Oft klagen die Patienten in erster Linie über Müdigkeit und ein Schlappheitsgefühl. Viele sind übergewichtig. Nicht selten kommt es auch zu einer Gewichtsabnahme, ohne dass die Patienten eine Diät halten. Das alles entwickelt sich schleichend über viele Monate oder Jahre, bis die Patienten zum Arzt gehen. Erkennt dann der Arzt, dass er es mit einem Diabetiker zu tun hat?

Dr. Werner de Cruppé vom Institut für Gesundheitssystemforschung der Universität Witten/Herdecke und Mitarbeiter haben für ihre Studie typische Sprechzimmerszenen nachgestellt. Mit Schauspielern wurden insgesamt acht Videos gedreht. Die Beschwerden waren immer gleich. Doch Alter (35 Jahre, 65 Jahre), Geschlecht (Mann, Frau) und Sozialstatus (Rechtsanwalt, Hausmeister) der Patienten wurden systematisch variiert, um zu sehen, ob die Ärzte sich davon beeinflussen ließen.

Den meisten Ärzten kamen die Schilderungen der Patienten vertraut vor, berichtet Dr. de Cruppé: So oder ähnlich erleben sie es häufig in ihrer Praxis. Aber nicht alle Ärzte stellten sofort die richtige Verdachtsdiagnose „Typ-2-Diabetes mellitus“. Der nächste Schritt besteht in Labortests: Der Diabetes wird durch die Bestimmung des Nüchternblutzuckers oder des Langzeitwerts HbA1c diagnostiziert. Diese Untersuchung hätten die Ärzte bei weniger als der Hälfte der älteren Patienten (44 Prozent) veranlasst, bei jüngeren Patienten entschied sich nur ein Drittel (34 Prozent) für einen definitiven Diabetes-Test. Dass Ärzte bei jüngeren Menschen seltener an einen Diabetes denken, erklärt sich laut Dr. de Cruppé aus der geringen Häufigkeit bei jüngeren Menschen. Es sei durchaus üblich, neben Beschwerdebild und Lebenssituation die Häufigkeit einer Erkrankung in ärztliche Entscheidungen einfließen zu lassen.

Seit einigen Jahren tritt ein Typ-2-Diabetes mellitus zunehmend auch bei jüngeren Menschen auf. Ärzte mit größerer Berufserfahrung scheinen hierfür eher ein Gespür zu haben: Ärzte mit mehr als 15 Jahren Berufserfahrung äußerten bei den jungen Diabetikern zu 81 Prozent den richtigen Verdacht. Ihre jüngeren Kollegen, die weniger als fünf Jahre praktizierten, vermuteten in 31 Prozent einen Typ-2-Diabetes.

Jüngere Patienten werden von den Ärzten häufiger nach psychosozialen Problemen befragt, bei älteren wird öfter eine Tumorerkrankung in Erwägung gezogen, schreibt Dr. de Cruppé. Die Chance, dass die Ärzte schließlich doch auf die richtige Diagnose kommen, sind gegeben. Denn alle Ärzte bestellten ihre Patienten zu einem weiteren Termin ein. Dort besteht dann die Möglichkeit ihre “Arbeitshypothese” zu revidieren und die Diagnose Diabetes zu stellen.

W. de Cruppé et al.:
Hausärztliche Entscheidungen bei Patienten mit Symptomen für Diabetes mellitus Typ 2
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2011; 136 (8):
S. 359-364

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