Mit dem Skalpell gegen Altersdiabetes: Ein Erfolg auf lange Sicht?

fzm, Stuttgart, Februar 2014 – In Deutschland lassen sich immer mehr fettleibige Menschen den Magen verkleinern oder den Darm verkürzen. Die sogenannte bariatrische Chirurgie heilt dabei häufig auch den Typ 2-Diabetes, an dem viele fettleibige Menschen leiden. Die Operation erspart den Patienten zunächst die Einnahme von Medikamenten oder das Spritzen von Insulin, doch der langfristige Erfolg ist nach Einschätzung eines Experten in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2014) nicht sicher.

Ein Magenband beseitigt bei jedem vierten Patienten neben der Fettleibigkeit auch den Alterszucker. Nach einer operativen Verkleinerung normalisiert sich der Blutzucker sogar bei jedem zweiten Patienten. Das modernste Verfahren, die sogenannte biliopankreatische Teilung mit duodenaler Umleitung, erreicht das Ziel sogar bei drei von vier Patienten, berichtet der Adipositas-Chirurg Privatdozent Dr. Frank Benedix vom Universitätsklinikum Magdeburg. Warum sich der Blutzucker verbessert und sich häufig sogar schon normalisiert, bevor es zum Gewichtsverlust kommt, ist noch nicht hinreichend erforscht.

Laut Dr. Benedix gibt es zwei Hypothesen. Beide führen die Diabetesheilung auf die veränderte Freisetzung von Hormonen aus der Magen- und Darmwand zurück. Die „Foregut“-Hypothese besagt, dass die Magenverkleinerung sogenannte „Anti-Inkretine“ im Magen und Zwölffingerdarm ausschaltet. Diese bislang noch nicht nachgewiesenen Hormone sollen die Insulinfreisetzung in der Bauchspeicheldrüse hemmen, was den Blutzucker ansteigen lässt. In der Magenwand wird auch das Hormon Ghrelin gebildet, das den Appetit steigert. Bei der „Hindgut“-Hypothese wird vermutet, dass der schnelle Transport des Nahrungsbreis in den hinteren Darmabschnitt dort die Bildung von Hormonen steigert, die den Blutzucker senken. Auch Hormone aus dem Fettgewebe oder die vermehrte Bildung von Gallensäure könnten eine Rolle spielen, erkärt Dr. Benedix.

Sicher ist nur, dass eine Senkung des Körpergewichts um zehn Kilogramm ausreicht, um den Blutzucker zu senken. Die Operation ist hier effektiver als viele Diabetesmedikamente, berichtet Dr. Benedix. Sie sei inzwischen für nahezu jede der am häufigsten durchgeführten bariatrischen Operationen durch eine hochwertige Studie belegt worden. Der Experte fügt aber einschränkend hinzu, dass die meisten Studien die Patienten nur über einen gewissen Zeitraum beobachtet haben. Die wenigen Langzeit-Erfahrungen zeigten, dass es nach einer Operation zu einem Wiederauftreten des Altersdiabetes kommen kann. Auch hier kennen die Forscher die Ursachen nicht genau. Ein erneuter Gewichtsanstieg, die Dauer der vorherigen Diabeteserkrankung und der Zustand der Beta-Zellen, die in der Bauchspeicheldrüse das Hormon Insulin produzieren, könnten eine Rolle spielen.

Die Transplantation der Bauchspeicheldrüse, die heute manchmal beim Typ 1-Diabetes erfolgreich durchgeführt wird, kann den Typ 2-Diabetes nicht heilen. Der Typ 1-Diabetes wird durch den Ausfall der Insulinproduktion ausgelöst, erläutert der Experte. Beim Typ 2-Diabetes haben die Patienten in der Regel genügend Insulin, das aufgrund einer Insulinresistenz aber den Blutzucker nicht ausreichend senkt. Eine neue Bauchspeicheldrüse könne dieses Problem nicht lösen.

F. Benedix et al.:
Welche Rolle spielt die Chirurgie bei der Therapie des Diabetes mellitus Typ 2?
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2014; 139 (5); S.207–212