Von wegen unsportlich: Diabetiker bestehen Ironman

Stuttgart, April 2009 – Menschen mit Typ-1-Diabetes mellitus müssen zwar regelmäßig Insulin spritzen, um zu überleben. Das sollte sie aber nicht davon abhalten, Sport zu treiben, schreiben Experten in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009). Sie müssen es wissen. Seit Jahren betreuen sie eine Gruppe von Diabetikern bei einer der härtesten Ausdauersportarten, dem Ironman.

Der Ironman ist die Extremvariante des Triathlon: Nach 3,8 km Schwimmen und 180 km Radfahren absolvieren die Sportler noch einen klassischen Marathonlauf von etwa 42 km. Damit gehen auch top-trainierte gesunde Menschen an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit. Menschen mit Diabetes hätten Ärzte eine Teilnahme früher streng verboten, da die Auswirkungen auf den Blutzucker kaum vorhersehbar sind. Dies hat sich geändert, seit Diabetespatienten mit mobilen Messgeräten jederzeit ihren Blutzucker bestimmen und sich mit einem “Pen” oder einer Pumpe die notwendige Insulindosis zuführen können.

Auch die zehn Diabetiker, die das Team um Dr. Sandra Boehncke von der Universität Frankfurt seit 2005 beim jährlichen Ironman Germany® betreut waren mit Blutzuckermessgeräten sowie Pens oder Pumpe ausgerüstet. Seit 2007 tragen sie während der Radstrecke zusätzlich ein Funkgerät, das die Messwerte auf den Computer des Ärzteteam übermittelt. Diese können dem Sportler dann per Handy Tipps zur richtigen Dosierung geben. Auf diese Weise wurden überhöhte Blutzuckerwerte vermieden, die bei früheren Wettbewerben beim Radfahren aufgetreten waren. Die Gründe für die hohen Blutzuckerwerte sind laut Dr. Boehncke nicht ganz klar. Auch die umfangreichen Hormonanalysen, welche die Ärzte 2006 vor und nach dem Rennen vorgenommen haben, gaben keine schlüssige Antwort. Die Expertin vermutet, dass die Sportler beim anstrengenden Radrennen besonders viele Kohlenhydrate zu sich nehmen und dann den Insulinbedarf unterschätzen. Das Hormon bewirkt, dass der Zucker aus dem Blut in die Muskelzellen gelangt. Bei einem Mangel steigt der Blutzucker.

Beim abschließenden Marathon fielen dann die Blutzuckerwerte ab. Die Autoren führen dies auf eine gesteigerte Darmtätigkeit zurück. Viele Marathonläufer müssten gegen einen vermehrten Stuhldrang ankämpfen. Beim Diabetiker verhindert die „Runner’s Diarrhea“, dass die Kohlenhydrate aus dem Müsli-Riegel vom Darm ins Blut gelangen. Starke Blutzuckerabfälle, die Hypoglykämien, sind eine gefürchtete Komplikation bei der Insulintherapie des Diabetes. Die Teilnehmer des Ironman waren jedoch nicht gefährdet. Unter den 18 Starts der Jahre 2005 bis 2007 gab es nur zwei Abbrüche. Keiner stand mit der Erkrankung in einem Zusammenhang, versichert die Teamärztin. Die anderen Sportler erreichten nach weniger als 15 Stunden das Ziel – zwar nicht als Bestplatzierte, aber auch nicht abgeschlagen. Dr. Boehncke: Die sportliche Leistung entsprach in etwa den Ergebnissen des gesamten Teilnehmerfeldes.

Es muss nicht unbedingt ein Triathlon sein, aber mehr Sport täte vielen Diabetikern gut. Dr. Boehncke: Körperliche Bewegung verbessert die Lebensqualität und hilft die Spätfolgen der Erkrankung an Herz und Gefäßen zu vermeiden. Leider seien viele Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes mellitus weniger aktiv als ihre nicht-diabetischen Mitschüler. Den Grund sieht die Ärztin in der fehlenden Unterstützung durch Eltern und Lehrer, aber auch viele Ärzte würden Diabetikern aus Angst vor einer lebensgefährlichen Unterzuckerung vom Sport abraten. Die Ergebnisse der Studie zeigen indes, dass Diabetespatienten sicher und mit persönlichem Gewinn an Ausdauersportarten teilnehmen können.

S. Boehncke et al.:
Ausdauer-Leistungsfähigkeit von Triathlon-Athleten mit Typ-1-Diabetes.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2009; 134 (14): S. 677-682

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